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Olympia-Übermacht: Norwegen beim Medaillenspiegel vorn

Im Medaillenspiegel der Olympischen Spiele in diesem Jahr steht Norwegen an Platz eins. Das ist keine Überraschung. Dabei hat das Land weniger Einwohner als Hessen. Von den Olympischen Spielen berichtet Benjamin Zurmühl Im ewigen Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele steht Deutschland an Rang eins – noch. Die zweitplatzierten Norweger verkürzen den Rückstand im Eiltempo. 15 Goldmedaillen hatte Deutschland vor dem Beginn der Spiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo mehr als die Skandinavier. Nach anderthalb Wochen in Italien beträgt der Vorsprung nur noch fünf Goldmedaillen. Dabei ist Norwegen ein Land mit nur circa 5,6 Millionen Einwohnern. Selbst das Bundesland Hessen hat mehr Einwohner (circa 6,3 Millionen Menschen). Dennoch dominieren die Norweger Winterspiele für Winterspiele das Geschehen. Auch andere Nationen wie die USA, Kanada oder Frankreich haben keine Chance. t-online hat mit Journalisten und Wintersport-Legenden gesprochen, um herauszufinden, was hinter dem Erfolg der Norweger steckt. Freude am Sport – für alle "Jeder macht einfach Sport", sagt Ex-Biathletin Tiril Eckhoff. Es sei nicht die Frage, ob man in Norwegen Sport mache, sondern welchen, erklärt die zweifache Olympiasiegerin. Das bestätigt auch Biathlon-Ikone Ole Einar Bjørndalen. "In Norwegen spielt Sport eine große Rolle in der Kultur. Das ist der größte Faktor. Wir genießen es einfach, draußen zu sein und Sport zu machen." Was banal klingt, ist tatsächlich ein deutlicher Unterschied zu Deutschland. Hierzulande ist der Stellenwert des Sports nach Ansicht einiger Experten gesunken. Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann bezeichnete ihn beispielsweise im März 2025 als "zu gering" . In Norwegen ist Sport viel mehr in der Kultur verankert, Bewegung gehört dazu. "Jeder kann Skifahren", sagt Journalist Rasmus Lie vom Fernsehsender TV2. In ländlichen Regionen gebe es sogar den Fall, dass Kinder per Ski zur Schule fahren. Sport wird in Norwegen nicht als Qual oder als Mittel zum Zweck gesehen, sondern als Ort von Freude. Daran wollen sich alle beteiligen, sagt Bjørndalen. "Es gibt viele Ehrenamtliche und Eltern, die bei den Veranstaltungen helfen. Nur wenige Menschen werden wirklich bezahlt, um die Talente zu trainieren." Bronze bei Olympia : Deutscher Medaillengewinner von Russland bedroht Wo steht Deutschland? Der Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele Deutsche verpasst Medaille: Das Drama nimmt kein Ende Dass es so viele Leistungssportler im Wintersport gibt, hat auch damit zu tun, dass sich der Norwegische Sportverband (NIF) auf die Fahne geschrieben hat, Spaß zu fördern. "Joy of Sport – for All" (zu Deutsch: Freude am Sport – für alle) heißt das Motto eines sportpolitischen Leitfadens, den der NIF vor 15 Jahren veröffentlicht hat. Bei Sportwettkämpfen für Kinder bis inklusive zwölf Jahren spielen Ergebnisse keine Rolle. Auf Tabellen wird nicht groß geachtet, berichtet auch Journalist Sander Smørdal von TV2: "Die Kinder können ihre Zeiten sehen, wenn sie wollen. Aber die Ergebnisse werden nicht von gut nach schlecht geordnet, sondern einfach aufgelistet." So viel wie möglich, so lange wie möglich Ein ähnliches System gibt es auch im englischen Fußballverband FA, der im Bereich Nachwuchsausbildung zu den Vorreitern des Weltfußballs zählt. Dort gibt es beispielsweise die Regel, dass im Bereich der U7 bis zur U11 keine Ergebnisse veröffentlicht werden dürfen. Auch im österreichischen Fußball wurden Tabellen bis zur U12 abgeschafft. Das Ziel ist das gleiche wie im norwegischen Skisport: Die Kinder sollen Spaß haben und sich nicht von Ergebnissen beeinflussen lassen. "Freude ist ein wichtiger Teil in der norwegischen Vereinskultur", sagt Tiril Eckhoff. "Nur, wenn es Spaß macht, machen die Kinder lange Sport." Sie selbst habe die vielen Staffel-Wettbewerbe in ihrer Kindheit geliebt, so die Ex-Biathletin. Während in Deutschland also unter anderem der heutige BVB-Präsident Hans-Joachim Watzke im Herbst 2023 die Abschaffung von Tabellen im Bereich der Unter-Elfjährigen als "unfassbar und für mich nicht nachvollziehbar" betitelte, ist dieses Konzept in Norwegen ein Teil des Erfolgs im Wintersport. Die norwegische Philosophie dahinter passe zu einem norwegischen Sprichwort, sagt Sportjournalist Rasmus Lie. "Flest Mulig, lengst mulig", zu Deutsch: so viel wie möglich, so lange wie möglich. Die Kinder sollen sich möglichst viel bewegen und damit auch im Teenageralter nicht aufhören. Das funktioniere aber vor allem dann, wenn sie nicht den Spaß daran verlieren, erklärt Tiril Eckhoff. Daher erhalten in Norwegen im jüngeren Kindesalter entweder alle einen Pokal oder niemand. Und es wird auch darauf geachtet, dass am Wochenende nicht viel Zeit im Auto oder im Zug verbracht werden muss. "Die Wettbewerbe sind eher regional", sagt Eckhoff. "Erst mit 15, 16 Jahren gibt es dann nationale Wettkämpfe." Calgary als Wendepunkt Dass Norwegen bei Olympischen Winterspielen den Ton angibt, war aber nicht schon immer der Fall. 1980 in Lake Placid holten die Skandinavier nur einmal Gold, selbst Liechtenstein war erfolgreicher. 1984 in Sarajevo blieb Norwegen hinter Schweden und Finnland. Als Wendepunkt in der norwegischen Sportgeschichte werden aber die Winterspiele in Calgary 1988 gesehen. Sechs Jahre vor den Heimspielen in Lillehammer blieb das Land gänzlich ohne Goldmedaille. Es musste sich etwas ändern. Der NIF gründete ein Jahr nach Calgary eine Organisation namens "Olympiatoppen" mit einem Spitzensportzentrum in Oslo. Die Idee hinter Olympiatoppen war es, einen Ort für die Entwicklung von Kompetenz und Leistungskultur im norwegischen Spitzensport zu haben, der sich nicht auf einzelne Sportarten beschränkt. Alle sollten davon profitieren. Seitdem bündelt Norwegen auf Trainerebene seine Kompetenzen. Die Nationaltrainer verschiedener Sportarten haben keine Geheimnisse mehr voreinander, berichten Rasmus Lie und Sander Smørdal von TV2. "Alle sollen teilen, was sie wissen, was sie tun und warum sie es tun, damit auch die anderen etwas davon haben. Das unterscheidet Norwegen wahrscheinlich von vielen anderen Ländern", vermutet Smørdal. Dieses Wissen geht dann auch an die Sportler, die daraufhin unter anderem ihr Training und ihre Ernährung optimieren können. Die Frage nach dem Geld Als größter Antriebsfaktor für eine Karriere im Leistungssport gilt vielerorts aber nicht Wissen, sondern Geld. Wer es nach ganz oben geschafft hat, ist reich, so die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. Gerade bei einem wohlhabenden Land wie Norwegen könnte man meinen, dass die Athleten sehr viel Geld erhalten. Das Gegenteil ist der Fall. "In anderen Ländern werden einige Sportler zu 90 Prozent vom Staat bezahlt und zu 10 Prozent von Sponsoren. In Norwegen ist es andersherum", sagt Ole Einar Bjørndalen. Es gebe zwar Stipendien, die sehen aber mehr wie eine Grundsicherung aus als eine Durchfinanzierung. Ein System wie in Deutschland, in dem viele der Olympioniken Sportsoldaten sind, gibt es nicht. Daher müssen die Athleten in Norwegen selbst das Interesse von Sponsoren wecken, um sich langfristig eine Profikarriere leisten zu können. "In jungem Alter ist sehr schwer, vor allem, wenn du nicht aus einer wohlhabenden Familie kommst", erklärt Bjørndalen. "Du musst dich durchkämpfen, weil du keine Chance hast, vom Sport zu leben. Ich musste auch alles selbst regeln. Meine Eltern waren Bauern, hatten wenig Geld." Auch Tiril Eckhoff musste sich Geld dazuverdienen, um Profisportlerin werden zu können. Hat ihr das geholfen, auch den nötigen Biss zu entwickeln? "Vielleicht", sagt sie. "Ich musste ein Risiko eingehen, womöglich hat das eine Rolle gespielt." Die Rufe nach mehr finanzieller Unterstützung seitens der Verbände sind da. Die Eisschnellläuferin Ragne Wiklund sprach jüngst offen über die finanziellen Probleme einiger Top-Athleten. "Ich weiß, wie schwer es ist, Sponsoren zu finden. Es gibt nur sehr wenige Sportler, die ein glamouröses Leben führen", so die Bronzemedaillengewinnerin über die 5.000 Meter. Nicht einmal für einen Olympiasieg erhalten die Athleten Geld. Während in Deutschland die Sporthilfe den Olympioniken 30.000 Euro für eine Goldmedaille, 20.000 Euro für Silber und 10.000 Euro für Bronze zahlt, gibt es in Norwegen keinen Cent. "Es ist schon komisch, wenn du all die Athleten aus anderen Ländern darüber reden hörst, und wir bekommen gar nichts, wenn wir gewinnen oder aufs Podium kommen", sagte Biathlet Vetle Sjåstad Christiansen nach dem Silber-Triumph in der Staffel. Auch, wenn hohe Prämien kein Teil des norwegischen Erfolgskonzepts sind, greifen die anderen Faktoren ineinander. Eine tief verwurzelte Sportkultur, klare Leitlinien im Nachwuchsbereich und ein Spitzensportsystem, das Wissen teilt, statt hortet. Erfolg wird nicht verordnet, sondern entwickelt – über Jahre hinweg und auf vielen Ebenen zugleich. Vielleicht erklärt genau das, warum ein Land mit 5,6 Millionen Einwohnern den Wintersport seit Jahren prägt. Und, warum Deutschland im ewigen Medaillenspiegel inzwischen genauer nach Norden schauen muss.

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