Versorgung auf dem Land: "Wut im Bauch" – wo der Ärztemangel Niedersachsen frustriert
Für einen Arzttermin sind in der Provinz Wartezeiten in Praxen und lange Autofahrten oft Alltag, denn es fehlen vielerorts Ärzte. Aus Ostfriesland senden Mediziner einen Notruf an die Landesregierung.
Wenn Hausarzt Holger Plochg morgens seine Praxis im ostfriesischen Bunde aufschließt, wird er von den ersten Patienten schon erwartet. "Morgens ab acht Uhr ist die Praxis picke-packe-voll", erzählt der Allgemeinmediziner. Der Mangel an Haus- und Fachärzten ist auch in dem kleinen Ort nahe der niederländischen Grenze zu spüren – so wie vielerorts in Niedersachsen. Dass sich die ärztliche Versorgung seit Jahren in ländlichen Regionen nicht bessert, frustriert Patienten und auch Mediziner wie Plochg.
Bereits vor mehr als zwanzig Jahren habe er den Ärztemangel mit Politikern, Bürgermeistern und der Kassenärztlichen Vereinigung diskutiert, sagt der Arzt. Die demografische Entwicklung sei allen bekannt, doch substanziell verändert habe sich in all den Jahren nichts. Darüber sei er frustriert und habe "Wut im Bauch", sagt Plochg, der seit 1997 Hausarzt in Bunde ist.
"Ich mache meinen Beruf noch mit so viel Power wie vor 30 Jahren. Aber die Umstände sind heute andere." Damals habe es noch vier Ärzte im Ort gegeben, erzählt Plochg. Zudem sei der ärztliche Bedarf damals nicht so hoch gewesen. Heute behandele er rund 3.000 Patientinnen und Patienten im Quartal, früher seien es 600 gewesen. Um heute noch mehr Patienten aufzunehmen, fehle ihm schlicht die Kapazität. "Menschliche Heilung bedarf Arztzeit", sagt Plochg. "Ich schicke niemanden weg, aber irgendwann kommt man an seine Grenzen."
Schlangestehen für den Arzttermin
Ein paar Kilometer weiter westlich in Weener ein ähnliches Bild: Vor der Praxis von Hautarzt Bernd Brinker stehen mittwochs regelmäßig Dutzende Patienten Schlange zur offenen Sprechstunde – die ersten sind schon um 6.00 Uhr da.
Petra Wissmann ist mit ihrer Tochter eine der Ersten in der Schlange. Sie sind aus dem etwa 20 Kilometer entfernten Nortmoor gekommen. Die offene Sprechstunde sei eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt einen Arzttermin zu bekommen, sagt Wissmann. Dafür nehmen Mutter und Tochter einiges in Kauf: Dienstpläne werden verschoben, Kollegen springen bei der Arbeit ein. "Es ist schon ein riesiger Aufwand, damit man einen Termin bekommt."
Seine Patienten kämen aus einem Umkreis von bis zu 80 Kilometern, sagt Hautarzt Brinker. Die Motivation, so lange Wege auf sich zu nehmen, sei "die blanke Not". "Es gibt teilweise keine Termine mehr woanders. Es ist ein Patientenannahmestopp." Brinker sagt, er behandele gern und sei bereit Leistung zu bringen. Doch er wünscht sich auch, dass der Druck nachlässt. "Dafür brauchen wir aber Personal, vor allem ärztliches Personal."
Wie groß der Ärztemangel ist
Hunderte Fach- und Hausärzte fehlen im Land. Allein bei den Hausärzten waren im vergangenen Dezember 447 Niederlassungsmöglichkeiten nicht besetzt, wie die Kassenärztliche Vereinigung (KVN) auf Anfrage mitteilt. Probleme bei der hausärztlichen Versorgung gebe es eher in ländlichen Regionen, teilt ein KVN-Sprecher mit. Junge Ärztinnen und Ärzte ziehe es oft in städtischen Zentren, wo es etwa eine bessere Infrastruktur und andere Arbeitsbedingungen gebe.
Die Ärzte Plochg und Brinker sehen nur einen Ausweg: Mehr Ärzte müssten her. Kurzfristig ließen sich Mediziner aus dem Ruhestand reaktivieren, die in der Lehre oder stundenweise auch in Praxen mitarbeiten könnten, schlägt Brinker vor. Vor allem bräuchte es aber mehr Studienplätze, sind sich beide einig. "Die Anzahl der Medizinstudienplätze müsste um 4.000 bis 5.000 erhöht werden", sagt Plochg mit Blick auf Deutschland. "Nur wenn wir mehr Ärzte ausbilden, können wir dem Ärztemangel begegnen."
Bei der Zahl der Studienplätze für Mediziner ist Niedersachsen im bundesweiten Vergleich mit Schlusslicht. Eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung ergab kürzlich, dass auf 100.000 Einwohner hierzulande lediglich zehn Medizinstudienplätze an staatlichen Hochschulen kommen. Nur in Bremen und Brandenburg sind es noch weniger Studienplätze – nämlich null.
Wie die Landesregierung den Ärztemangel stoppen will
Die rot-grüne Landesregierung will insbesondere dem Hausärztemangel entgegenwirken und hatte dazu vor einem Jahr einen Zehn-Punkte-Aktionsplan vorgestellt.
"Das Land ist in dieser Sache sehr aktiv", sagt Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD). Er verweist etwa auf die Landarztquote, die jedes Jahr 60 Bewerbern den Zugang zum Medizinstudium erleichtern soll, sofern sie sich verpflichten, nach ihrer Ausbildung zehn Jahre als Hausarzt in unterversorgten Regionen zu arbeiten. Auf einen Platz kommen etwa vier Bewerber.
Auch bei der Medizinerausbildung werde gehandelt, sagt Philippi. "Zunächst einmal haben wir dafür gesorgt, dass es in diesem Jahr 80 Studienplätze mehr gibt in ganz Niedersachsen." Die kommen neu zu den bestehenden 120 Plätzen an der Universitätsmedizin in Oldenburg zum Wintersemester 2026/2027 hinzu. Zusammen mit den medizinischen Fakultäten in Hannover und Göttingen soll es dann insgesamt 876 Studienplätze in der Humanmedizin im Land geben.
Das Angebot für Medizinstudienplätze auch abseits der etablierten Unikliniken in anderen mittelgroßen Städten auszubauen, hält Hausarzt Plochg für richtig. Es müssten aus seiner Sicht aber schneller deutlich mehr sein.
In Bunde werde der zweite Hausarzt bald in den Ruhestand gehen, sagt Plochg. "Ab 1. Oktober sitze ich dann hier vielleicht allein – bei einem erhöhten Versorgungsbedarf." Er könne es mittlerweile verstehen, wenn junge Ärzte in die Schweiz oder nach Norwegen gingen. Trotz des Frusts gibt der Hausarzt die Hoffnung nicht auf, Nachwuchsmediziner für das Land zu gewinnen. "Ich liebe meinen Beruf als Landarzt und mache täglich Werbung dafür."