Trump will Grönland, die Nato schaut zu. Ex-Grönland-Minister Tom Høyem über amerikanische Provokationen, verletzte Identität auf der größten Insel der Welt – und eine Krise, die das westliche Bündnis an seine Grenzen bringt. Der Streit um Grönland spitzt sich zu: US-Vizepräsident JD Vance und US-Außenminister Marco Rubio treffen in dieser Woche den dänischen Außenminister – auch Grönlands Außenministerin sitzt mit am Tisch. US-Präsident Donald Trump spricht offen davon, die größte Insel der Welt besitzen zu wollen. Für den ehemaligen dänischen Grönland-Minister Tom Høyem ist das kein normales diplomatisches Treffen, sondern ein Symptom einer beispiellosen Eskalation: Noch nie zuvor hätten sich zwei Nato-Staaten derart offen gegenübergestanden, warnt er. Nun kämen die Staaten zumindest ins Reden. Im Interview mit t-online spricht Høyem über Provokationen aus Washington – und darüber, warum ausgerechnet jetzt eine echte diplomatische Chance entstehen könnte. Grönland-Krise: Sie taten ihr Möglichstes – aber reicht das? Grönland: Darum will Trump die Insel t-online: Herr Høyem, am Mittwoch trifft der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen mit JD Vance zusammen, auch die grönländische Außenministerin Vivian Motzfeldt wird dabei sein. Kommt es jetzt zum Showdown um Grönland? Tom Høyem: "Showdown" ist wahrscheinlich das falsche Wort. Was wir in den vergangenen Monaten gesehen haben, ist allerdings eine unglaubliche Provokation. In meinem Leben habe ich noch nie erlebt, dass sich zwei Nato-Mitglieder so offen im Konflikt befinden. Die Nato könnte sogar implodieren. Ich glaube aber, dass viele Politiker inzwischen erkannt haben, dass man diese Debatte nicht länger nur über Beiträge in den sozialen Medien führen kann. Jetzt muss ernsthaft gesprochen werden. Eine Sache ist dabei besonders interessant. Und zwar? Donald Trump nennt immer zwei Argumente für den angeblichen US-Anspruch auf Grönland: Zum einen fordert er mehr Militärpräsenz in der Arktis, weil die Region sicherheitspolitisch immer wichtiger wird. Zum anderen spricht er über Rohstoffe. Auf beides antworten wir in Dänemark und Grönland: Ja, bitte, das sehen wir genauso. Es braucht mehr Militärpräsenz in Grönland und mehr Investitionen in Rohstoffe. Die Lage ist im Moment hochkritisch, aber zugleich auch merkwürdig, weil wir im Grunde dieselben Ziele haben. Trotzdem sagt Trump immer wieder, er wolle Grönland besitzen – und nicht kooperieren. Glauben Sie, dass sich durch das Treffen eine Lösung abzeichnen könnte? Nein, so funktioniert Politik nicht. Lösungen entstehen nicht über Nacht. Man muss auch den USA die Möglichkeit geben, einen Ausweg zu finden, ohne das Gesicht zu verlieren. Denn es geht auch anders: Am Dienstag etwa waren US-Senatoren in Kopenhagen und sprachen mit dänischen Parlamentariern. Das war immerhin eine diplomatische und politische Diskussion – nicht mehr nur Provokation und Gegenreaktion. So könnte das Treffen mit Vance am Mittwoch der Beginn eines ernsthaften Verhandlungsprozesses sein. Das war in der Vergangenheit nicht so. Sie spielen auf den Besuch des US-Vizepräsidenten im März auf Grönland an? Richtig. Ursprünglich wollte Vance mit seiner Frau nach Nuuk reisen. Das wurde von grönländischer Seite sehr klar abgelehnt. Die Ablehnung war so deutlich, dass man einen Kompromiss finden musste, ohne dass jemand sein Gesicht verliert. Am Ende reiste Trumps Sohn für ein paar Stunden als Tourist nach Grönland, während JD Vance lediglich die amerikanische Basis Pituffik besuchte. Tatsächlich sind die Vorwürfe von Vance falsch, Grönland und Dänemark täten zu wenig für den Schutz der Arktis. Erklären Sie das bitte. Ich selbst war als Minister für den Kontakt zur Pituffik Space Base zuständig, sie hieß damals noch Thule Air Base. Schon in den 1980er-Jahren gab es Vorwürfe, Dänemark habe zu wenig für Grönland getan – militärisch wie politisch. Tatsächlich haben wir das Gebiet der Basis halbiert, aber gemeinsam mit den USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die USA auf der gesamten Insel rund 30.000 Soldaten und 14 Basen. Nach dem Ende des Kalten Krieges haben die USA Grönland verlassen – und woanders ihren Fokus gesehen. Heute sind es etwa 150 Personen auf einer einzigen Basis. Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Arktis wieder stärker in den Fokus rückt. Wieso? Das wachsende Interesse an Grönland ist aus mehreren Gründen positiv. Einer davon ist der Klimawandel . Schon vor Jahrzehnten wussten wir, dass das Eis schmilzt und neue Schifffahrtsrouten möglich werden. Das eröffnet enorme wirtschaftliche Potenziale – vergleichbar mit dem Panamakanal . Auch geopolitisch ist die Region heute wichtiger denn je. Russland ist in der Arktis sehr präsent. Auch an Bodenschätzen ist Trump interessiert. Rohstoffe spielen sicher eine Rolle. Doch Trump wäre naiv zu glauben, sie lägen einfach offen und müssten nur eingesammelt werden. Ich erinnere mich an Verhandlungen mit dem amerikanischen Ölkonzern ARCO. Das Unternehmen investierte 50 Millionen Dollar in die Erkundung grönländischer Ölvorkommen – und stellte danach fest, dass die Förderung schlicht zu teuer und zu kompliziert wäre. Ähnlich ist es bei Minen. Wie meinen Sie? In meiner Zeit als Minister musste ich zwei Minen schließen, keine eröffnen. Es gibt Rohstoffe in Grönland, auch Seltene Erden, aber die Infrastruktur ist extrem anspruchsvoll. Ohne massive Investitionen geht nichts. Vor Grönland-Gesprächen von JD Vance: US-Gesetz fordert neuen Namen für Grönland Wir haben jetzt viel über die USA und Trump gesprochen. Was wollen eigentlich die Grönländer selbst? Dazu muss ich etwas ausführen. Gerne. Es gibt seit Jahrzehnten eine Entwicklung hin zu mehr Autonomie. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Grönland einen eigenen Minister in der dänischen Regierung. Später haben wir dieses Ministerium bewusst abgeschafft. Nämlich Sie als Grönland-Minister. Richtig. Wir wollten Grönland mehr Selbstverwaltung geben. Seit 2009 gibt es ein Gesetz, das Grönland erlaubt, sich unabhängig zu erklären, wenn es das möchte. Es gibt eine kleine, sehr radikale Gruppe von Bürgern – etwa sechs Prozent der Bevölkerung –, die vollständige Unabhängigkeit oder sogar eine Annäherung an die USA will. Die große Mehrheit will mehr Autonomie innerhalb des dänischen Königreichs. Erst kürzlich haben sowohl der neue Regierungschef als auch ein prominenter linker Politiker in Grönland öffentlich erklärt, dass sie an der Zusammenarbeit mit Dänemark festhalten wollen. Eines ist klar: Es gibt praktisch niemanden in Grönland, der Amerikaner werden möchte. Gibt es denn Angst vor Trump? Angst ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber viele Grönländer sind beleidigt. Sie wollen nicht wie eine Ware behandelt werden, die man kaufen oder verkaufen kann. Grönland ist stolz auf seine Kultur, seine Geschichte und seine Identität. Das spürt man besonders bei der jungen Generation. Grönland ist finanziell stark von Dänemark abhängig. Könnte das Land überhaupt allein bestehen? Rund 50 Prozent des grönländischen Haushalts kommen aus Dänemark. In Dänemark gibt es dazu unterschiedliche Haltungen. Meine ist: Dänemark und Grönland waren 300 Jahre zusammen, weil Dänemark Grönland kolonialisiert hat. Wir teilen Geschichte und haben uns gemeinsam entwickelt und es gibt viele, viele grönländisch-dänisch gemischte Familien. Und Grönland als Teil unseres Königreichs gibt auch dem kleinen Dänemark eine Weltperspektive. Andere sagen: Das kostet zu viel Geld. Und eine dritte Gruppe meint, Grönland solle selbstständig werden, wenn es das will – dann aber ohne finanzielle Unterstützung. Die Realität ist aber eine andere. Und zwar? Grönland ist riesig, hat aber nur 56.000 Einwohner. Es ist unrealistisch zu glauben, so allein die gesamte Infrastruktur stemmen zu können. Grönlands Regierungschef stellt klar: "Dann wählen wir Dänemark" Allerdings war Grönland bis 1985 Teil der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), dem Vorgänger der EU. Grönland hatte damals eine Volksabstimmung über den Verbleib in der EWG; eine Mehrheit hat gewünscht, die Gemeinschaft zu verlassen. Dänemark war nicht verpflichtet, der Abstimmung zu folgen. Und die Regierung, der ich angehört habe, fand die Entscheidung nicht klug. Aber wir haben es trotzdem akzeptiert. Ich musste als Minister die Bedingungen für einen Austritt verhandeln, obwohl meine Position eigentlich eine andere war. Die Arktis ist auch für Europa von strategischer Bedeutung. Je mehr Autonomie Grönland will, desto mehr internationale Allianzen braucht es – um nicht abhängig von einem einzigen Partner zu sein. Was wäre denn das beste Szenario für Grönland? Das beste Szenario wäre, dass wir jetzt in eine normale diplomatische Diskussion kommen. Idealerweise würde die Nato – auch mit Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien – stärker präsent sein. Das würde Trumps Vorwürfen den Boden entziehen. Und das schlechteste? Eine militärische Eskalation! Die USA haben die angesprochene Basis in Grönland, theoretisch könnten sie sehr schnell Soldaten entsenden. Aber was wäre ihr Ziel? Ich halte einen Einmarsch für hochgradig unrealistisch – und hoffentlich bleibt es reine Theorie. Aber allein, dass wir darüber reden, zeigt, wie absurd und schlimm es wäre. Besonders muss ich hier Nato-Generalsekretär Mark Rutte kritisieren. Führen Sie das bitte aus. Aus meiner Sicht erleben wir gerade die größte Nato-Krise ihrer Geschichte, und trotzdem war der Nato-Generalsekretär auffallend zurückhaltend. Mehr noch: Er biedert sich regelmäßig Donald Trump an. In einer solchen Situation wünsche ich mir mehr Führung. Ich hoffe deshalb, dass nun andere Länder stärker Verantwortung übernehmen – Deutschland, Frankreich, Italien , Großbritannien, Schweden . Ich bin nicht naiv, aber ich hoffe wirklich, dass die Arktis in den kommenden Wochen ganz oben auf der politischen Tagesordnung bleibt. Eine Sache freut mich aber schon. Welche? Vor 20 Jahren, als ich mich in Deutschland niedergelassen und gesagt habe, ich sei Minister für Grönland gewesen, haben viele mich verwundert angesehen. Dann kamen Fragen wie: "Sie sehen doch gar nicht aus wie ein Inuk". Oder: "Ist es dort nicht furchtbar kalt?" Viele konnten sich gar nicht vorstellen, dass es in der dänischen Regierung einen eigenen Minister für Grönland gab. Heute verstehen viele meine Aufgabe von damals viel besser. Wann werden Sie denn das nächste Mal nach Grönland reisen? Das weiß ich leider noch nicht. Erstmal müssen die aktuellen Probleme gelöst werden. Herr Høyem, vielen Dank für das Gespräch!