morgenstern: „Symbolisch“, „Protokollbruch“: Das schreibt Indiens Presse über den Merz-Besuch
Wie die Inder den Staatsbesuch von Friedrich Merz sehen – und warum der Kanzler das Land als erstes in Asien bereist. Außerdem: eine besondere neue Puppe. Die Lage am Morgen.
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht kennen Sie diese Videos, die in den sozialen Netzwerken überall aufploppen und millionenfach geschaut werden: Putin, Trump, Merz und Erdogan tanzen in traditionellen Gewändern im Kreis, Merz und von der Leyen halten ein Baby mit Selenskyjs Gesicht, Trump und Putin knutschen – und so weiter.
Ist natürlich alles großer Quatsch, sogenannter "AI Slop", KI-Schrott – belangloser "Content", billig massenhaft produziert, trotzdem geklickt (auch von mir, ups).
Und ganz kurz dachte ich gestern an solchen KI-Schrott, als ich beim Scrollen die gemeinsamen Bilder von Friedrich Merz und Indiens Premierminister Narendra Modi vom Indien-Besuch des Kanzlers sah: Merz und Modi mit Sonnenbrillen und traditionellen Schals, beide von einer Art Papamobil winkend, während sie einen Drachen steigen lassen – ein etwas surrealer Anblick, hätte so auch die KI fabrizieren können.
Aber: war echt. Premierminister und Kanzler symbolisieren bei ihren gemeinsamen Auftritten sehr bewusst Nähe und Freundschaft, auch vor dem Hintergrund der durch Donald Trump ins Wanken gebrachten Weltordnung. "Der Trump-Schock schweißt sie förmlich zusammen", schreibt etwa mein Kollege Veit Medick, der Merz auf seiner Indien-Reise begleitet.
Aber wie sehen die Inder das?
Friedrich Merz in Indien: Das schreibt die indische Presse
Merz‘ Indien-Besuch ist auch in der indischen Presse ein großes Thema – insbesondere die Wahl Indiens als Ziel von Merz' erster Asienreise: Diese sei ein "Bruch mit einer langjährigen Tradition", schreibt etwa der Fernsehsender News18 auf seiner Website, typischerweise würden deutsche Regierungschefs nach China oder Japan reisen: "Die Symbolik ist unübersehbar und unterstreicht das wachsende strategische Gewicht, das Indien nun in Deutschlands außenpolitischem Kalkül trägt."
Ein "Protokollbruch" als Zeichen der Wertschätzung ist ebenfalls Thema in der indischen Presse und in den sozialen Medien in Indien: Es geht um eine gemeinsame Autofahrt von Modi und Merz – normalerweise fahren Staatschefs laut Protokoll separat. "Car Diplomacy" nennt der Sender "NDTV" die Fahrt, sie sei eine Form von Diplomatie, "um Wärme und Freundschaft zu besuchenden Weltführern zu zeigen." Auch die Zeitung "Amar Ujala" sieht in der gemeinsamen Autofahrt die "Herzlichkeit der Beziehungen". "Bemerkenswert", schreibt "Indian Defense News". Mehrere Medien ziehen Parallelen zum Besuch von Wladimir Putin im Dezember 2025: Auch mit ihm fuhr Modi gemeinsam Auto.
© IMAGO/ANI
In einem Gastbeitrag für das englischsprachige Fachmagazin "Policy Circle" ordnet Priya Gupta, Wirtschafts-Professorin in Neu-Delhi, den Merz-Besuch ein: Dieser dürfe nicht isoliert gelesen werden, folge er doch auf den Putin-Besuch im Dezember und den Indien-EU-Gipfel Ende Januar: "In der heutigen zerklüfteten Geopolitik kommt es auf die Reihenfolge der Ankünfte an. Neu-Delhi signalisiert, dass es die Großmächte nicht episodisch, sondern durch bewusste Abfolge einbindet."
Indische Medien berichten außerdem über die Ehre, die Premier Modi dem Kanzler durch den Empfang in seiner Heimatstadt Ahmedabad erwiesen habe: Merz sei nach US-Präsident Trump und Chinas Xi Jinping erst der dritte ausländische Staatschef, der dort empfangen worden sei. Positiv wird auch erwähnt, dass Modi und Merz gemeinsam einen Drachen mit einem Bild von Lord Hanuman steigen ließen – einem hinduistischen Symbol für Stärke und Loyalität. "Dies war ein symbolischer Moment der Kulturdiplomatie", schreibt etwa die Zeitung "Navbharat Times."
Merz' erste Asien-Reise: Warum ausgerechnet Indien?
Auch in unserem Podcast 5-Minuten-Talk geht es heute um die Indien-Reise von Friedrich Merz: Meine Kollegen Nico Fried und Miriam Hollstein analysieren, warum der Kanzler das Land für seinen ersten Asien-Trip ausgewählt hat – und warum das auch heikel ist:
Spielzeughersteller bringt Barbie mit Autismus
Groß, blond, viel zu dünn, makellos: 1959 kam die erste Barbie auf den Markt – gebaut nach einem unrealistischen Körperideal. Seitdem ist glücklicherweise gesellschaftlich viel passiert. Und auch beim Spielzeughersteller Mattel, der die berühmte Puppe herstellt, haben sie nachgedacht: Es gibt Barbies mit unterschiedlichen Hautfarben, seit 2016 auch mit unterschiedlichen Körperformen (wenn auch weiterhin weitgehend makellos, mit unrealistischen Proportionen, sagen Kritiker).
Seit einigen Jahren gibt es auch Barbies mit Behinderungen oder Krankheiten: Sie sitzen im Rollstuhl, tragen Prothese oder Blindenstock. Auch Barbies mit Down-Syndrom oder Typ-1-Diabetes gibt es. Jetzt bringt Mattel eine Puppe mit Autismus auf den Markt – in enger Zusammenarbeit entwickelt mit einer US-Autismus-Organisation, teilt der Spielzeughersteller mit.
Mehr über die neue Puppe sehen Sie hier im Video:
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Stefan Düsterhöft