Kein Klub in Schottland war zuletzt erfolgreicher als Celtic Glasgow. Doch aktuell versinkt der Verein im Chaos. Schuld hat auch ein deutscher Trainer. Das Statement, welches Celtic Glasgow am Montag auf seiner Website veröffentlichte, war kurz und nur bedingt herzlich. "Der Celtic Football Club gibt heute bekannt, dass er beschlossen hat, den Vertrag mit Trainer Wilfried Nancy mit sofortiger Wirkung zu kündigen", hieß es dort. Man danke dem Franzosen für seinen Einsatz und wünsche ihm und seiner Familie für die Zukunft alles Gute. Auch der Sportliche Leiter Paul Tisdale, eine der Schlüsselfiguren bei Nancys Verpflichtung, sowie die Assistenten des Trainers seien nicht mehr länger Teil des Klubs. Von den Beteiligten kam in der Mitteilung niemand mehr zu Wort. Das Kapitel Nancy scheint man bei Celtic offenbar schnellstmöglich ad acta legen zu wollen, und das aus gutem Grund. Denn die Ära des 48-jährigen Fußballlehrers beim schottischen Rekordmeister geht wohl als das größte Missverständnis der jüngeren Vereinsgeschichte in die Annalen ein. Nancy hatte erst Anfang Dezember bei Celtic angeheuert, übernahm von Martin O'Neill, der als Interimstrainer den im Oktober zurückgetretenen Brendan Rodgers ersetzt hatte. Was dann folgte, war eine sportliche Katastrophe historischen Ausmaßes – an deren Zustandekommen letztlich auch ein Deutscher beteiligt war. Nancys unrühmlicher historischer Meilenstein Als Wilfried Nancy am 3. Dezember 2025 als neuer Celtic-Trainer vorgestellt wurde, gab er sich noch optimistisch. Sein oberstes Ziel sei ganz einfach, betonte der Coach in der Klubmitteilung. "Ich möchte unseren Fans eine starke, spannende, offensive und erfolgreiche Fußballmannschaft bieten, auf die sie stolz sein können." Das Problem: Das, was die Anhänger in der Folge von ihrem Team zu sehen bekamen, bot dazu nicht den geringsten Anlass. Nancys erstes Spiel fand bereits vier Tage nach den von ihm getätigten Aussagen statt – und ging direkt verloren. Gegen Heart of Midlothian unterlag Celtic vor heimischem Publikum mit 1:2. Eine überaus bittere Niederlage, denn der vor Spielbeginn noch punktgleiche Klub aus Edinburgh zog durch den Auswärtssieg an der Tabellenspitze wieder um drei Punkte davon. Die Chance auf Rehabilitation bot sich Nancy und seiner Mannschaft weitere vier Tage später. Doch in der Europa League setzte es die nächste Heimpleite, ein 0:3 gegen die AS Rom . Nancy erreichte damit schon früh in seiner Amtszeit einen unrühmlichen historischen Meilenstein. Er avancierte zum ersten Celtic-Trainer, der bei seinen ersten zwei Partien nach Dienstantritt als Verlierer vom Platz ging. Nancy verliert weiter, Lawwell tritt zurück Getoppt wurde die Negativmarke bereits drei Tage darauf. Im Finale des League Cups duellierte sich Celtic mit Außenseiter St. Mirren. Das Team aus Paisley hatte zu diesem Zeitpunkt lediglich zwei seiner letzten zehn Pflichtspiele gewinnen können – und rang Celtic im Endspiel trotzdem mit 3:1 nieder. Der Pleiten-Hattrick für Nancy innerhalb seiner ersten Woche bei Celtic war perfekt. Kurz darauf verloren die "Hoops" dann auch noch in der Liga bei Dundee United mit 1:2. Vier Niederlagen in Serie hatte Celtic eine halbe Ewigkeit nicht mehr hinnehmen müssen. Letztmals war das 1978 der Fall gewesen, also vor 47 Jahren. Bei vielen Fans hatte Nancy bereits zu diesem Zeitpunkt jeglichen Kredit verspielt. In den sozialen Netzwerken wurden die Forderungen nach einem Rauswurf des früheren Verteidigers immer lauter, gerade einmal zwei Wochen nach Amtsantritt in der schottischen Metropole. Doch es war nicht der Trainer, der den Verein verließ, sondern der Klub-Boss. Peter Lawwell kündigte einen Tag nach der Dundee-Pleite seinen Rückzug zum Jahresende an. Die Beschimpfungen und Bedrohungen seien "unerträglich" geworden, erklärte er. "Sie haben meine Familie bestürzt und beunruhigt." In dieser Phase seines Lebens brauche er das nicht, so Lawwell. Celtics Vorstand stand zu diesem Zeitpunkt bereits seit Wochen in der Kritik, in erster Linie aufgrund der verfehlten Transferpolitik. Im Stadion verschafften die Fans ihrem Ärger mit Transparenten und Parolen Luft. Im November war bereits die Jahreshauptversammlung schon nach 25 Minuten abgebrochen worden, nachdem es viele "Vorstand raus"-Rufe gegeben hatte. Zudem waren Protestbriefe eingereicht worden. Röhl siegt im "Old Firm" – Nancy fliegt raus Dem mittlerweile perfekten Chaos im Klub wirkte Nancy sportlich dann doch noch entgegen – zumindest temporär. Kurz vor Weihnachten feierte Celtic mit einem 3:1 über Aberdeen den ersten Sieg seit Anfang Dezember. Nach den Feiertagen folgte ein 4:2-Erfolg über Livingston, bei dem die Mannschaft einen zweifachen Rückstand wettmachte. Die endgültige Kehrtwende blieb jedoch aus. Kurz vor dem Jahreswechsel unterlag Celtic dem FC Motherwell mit 0:2. Der Druck auf Nancy erreichte vor dem "Old Firm", dem prestigeträchtigen Derby gegen die Glasgow Rangers , seinen Höhepunkt. Und der Coach schien unter diesem bereits auf der Pressekonferenz vor dem Duell mit dem Stadtrivalen zu zerbrechen. Er habe nicht erst gestern mit dem Trainieren angefangen, wurde Nancy in Richtung der Journalisten deutlich. "Wenn Sie Ihre Arbeit machen, werden Sie sehen, wie ich spielen will, wie ich verteidige, wie ich angreifen will, das ist klar", polterte er. "Es ist völlig normal, dass Sie mich in der Luft zerreißen. Das ist für mich in Ordnung. Das ist für mich völlig in Ordnung, weil ich weiß, wo ich hinwill. Beurteilen Sie mich in ein paar Wochen, Monaten." Doch so viel Zeit sollte Nancy nicht mehr bekommen. Das Derby wurde zu seinem letzten Spiel als Celtic-Trainer. Die Rangers, die zu Saisonbeginn bereits weit hinter dem Erzfeind in der Tabelle abgeschlagen waren, siegten im Celtic Park mit 3:1. Ein Deutscher gab Nancy damit den K.-o.-Stoß. Denn trainiert werden die Rangers seit einigen Monaten von Danny Röhl. Nimmt man lediglich die Partien ab dem 9. Spieltag, also seitdem Röhl für die Rangers arbeitet, steht der Klub an der Tabellenspitze der schottischen Liga. Die Rangers sind neben den Hearts plötzlich wieder Titelkandidat – und Celtic droht, das erste Mal seit 2021 die Meisterschaft zu verpassen. Für den Traditionsklub, der 13 der letzten 14 Meisterschaften für sich entscheiden konnte, wäre das der Super-GAU. O'Neill soll es ein weiteres Mal richten Verhindern soll das Ganze nun erneut Martin O'Neill. Celtic hat den 73-Jährigen, der bereits zwischen 2000 und 2005 Cheftrainer des Klubs war, erneut an die Seitenlinie beordert. O'Neill hatte als Interimstrainer vor Nancys Amtszeit sieben von acht Spielen gewonnen. Der Nordire bekommt das Vertrauen nun bis zum Saisonende ausgesprochen. Nur der Meistertitel könnte die Spielzeit wohl noch retten. Die Teilnahme an der Gruppenphase der Champions League verpasste Celtic im August bereits in der Qualifikation gegen den kasachischen Underdog Kairat Almaty. In der Europa League steht das Team zwei Partien vor Abschluss der Vorrunde lediglich auf Rang 24. Das Weiterkommen ist damit akut gefährdet. Dass Celtic, gerade im eigenen Stadion, mit dem Rücken zur Wand ungeahnte Kräfte freisetzen kann, ist bekannt. Vor weniger als einem Jahr gastierte etwa der FC Bayern als klarer Favorit im Playoff-Hinspiel für das Achtelfinale der Königsklasse im Celtic Park, siegte am Ende aber nur denkbar knapp mit 2:1. Im Rückspiel in München gingen die Schotten dann sogar in Führung, hätten Deutschlands Vorzeigeklub beinahe in die Verlängerung gezwungen. In der Nachspielzeit traf Alphonso Davies aber noch zum schmeichelhaften Ausgleich. Dennoch zeigte die Partie in der Allianz Arena: Mit Celtic ist auch in scheinbar aussichtslosen Lagen immer zu rechnen. "No surrender" (deutsch: "Keine Kapitulation") lautet zwar ausgerechnet ein Schlachtruf der Rangers. Doch auch bei Celtic ist Aufgeben, gerade auch mit Blick auf die Meisterschaft, nie eine Option. Die erste Chance, nach chaotischen letzten Wochen wieder in die Spur zu finden, hat das Team am Samstag. Dann empfängt Celtic zu Hause Dundee United. Ende des Monats gastiert die Mannschaft übrigens bei Heart of Midlothian, Anfang März bei den Rangers. Schlüsselspiele, die es auf dem Weg zur Titelverteidigung unbedingt zu gewinnen gilt – genauso, wie natürlich die zahlreichen Pflichtaufgaben dazwischen. O'Neill und Celtic stehen vor einer Herkulesaufgabe.