Ungarns Behörden sollen seit 2022 millionenfach Bewegungsdaten der eigenen Bürger aus Apps und der Werbewirtschaft auswerten. Recherchen sehen ein EU-weit beispielloses System der Massenüberwachung. Ungarische Behörden setzen offenbar ein umfassendes Überwachungssystem ein, das Bewegungsdaten von Millionen Menschen auswertet. Das geht aus einer gemeinsamen Recherche hervor, die die Investigativplattform "Vquare" mit Sitz in Warschau und Citizen Lab, ein Projekt der Universität Toronto , umgesetzt haben. Demnach nutzt die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán seit mindestens 2022 die Software "Webloc", die Standortdaten aus Smartphone-Apps und der Werbeindustrie sammelt und analysiert. Ungarn ist damit das erste bestätigte EU-Land, das ein solches System einsetzt. Experten halten den Einsatz für rechtlich problematisch, da die Nutzung der Daten vermutlich gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verstößt. Offizielle Stellen äußerten sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen. Rechtsruck in Europa: "Was Orbán tut, ist unter der Gürtellinie" Parlamentswahl in Ungarn: Neue Umfrage setzt Viktor Orbán weiter unter Druck Die Software wurde vom israelischen Unternehmen Cobwebs entwickelt und wird inzwischen vom US-Konzern Penlink vertrieben. Sie greift auf Daten zu, die ursprünglich für Werbung erhoben wurden, und verknüpft diese mit Standortinformationen. So lassen sich Bewegungsprofile erstellen und einzelne Geräte über längere Zeiträume verfolgen. System greift auf Milliarden Datenpunkte zu Nach Angaben von Citizen Lab verarbeitet Webloc Daten von Hunderten Millionen Geräten weltweit. Die Software kann Bewegungen bis zu drei Jahre rückwirkend nachvollziehen und Nutzer anhand ihrer Gewohnheiten identifizieren. Dazu zählen etwa Aufenthaltsorte, Kontakte oder Interessen. Die ungarischen Dienste nutzen daneben weitere Analysewerkzeuge, etwa zur Auswertung sozialer Netzwerke, des sogenannten Darknets oder von Kryptowährungen. Ein Teil der Technik stammt ebenfalls von Cobwebs, ein anderer wurde offenbar in Ungarn selbst entwickelt. Die Lizenzen für die Software wurden zuletzt im März 2026 verlängert – wenige Wochen vor der Parlamentswahl. Beschafft wurden sie über eine private Firma mit Verbindungen zur Regierung. Laut Medienberichten könnten dadurch deutlich höhere Kosten entstanden sein. Sorge vor politischem Missbrauch Konkrete Belege für den Einsatz gegen Oppositionelle oder Journalisten gibt es nicht. Mehrere Quellen aus dem Sicherheitsapparat warnen jedoch, die Technik ermögliche genau das – zumal unabhängige Kontrolle in Ungarn begrenzt sei. Das Land war bereits in der Vergangenheit wegen Spähsoftware in der Kritik. 2021 wurde bekannt, dass Behörden die israelische Software Pegasus eingesetzt hatten, um unter anderem Journalisten und Politiker zu überwachen. Auch andere Programme wie "Candiru" wurden mit Ungarn in Verbindung gebracht. Die neuen Enthüllungen erweitern dieses Bild. Sie zeigen, dass staatliche Stellen nicht nur gezielt einzelne Geräte angreifen können, sondern auch großflächig Bewegungsdaten auswerten – oft ohne Wissen der Betroffenen. Datenschützer sehen darin eine neue Qualität der Überwachung.