In einer Ratgeberserie erklärt die t-online-Redaktion Schritt für Schritt, wie ein erfolgreicher Start an die Börse gelingen kann. Heute geht es um Schwankungen und Börsencrashs – und wie Sie dabei gelassen bleiben. Am 10. März 2000 war die Stimmung an den Börsen euphorisch. Der Nasdaq Composite Index, der größte Technologieindex der USA mit mehr als 3.000 Aktien, hatte gerade sein Rekordhoch erreicht. Doch das war lediglich der Gipfel einer Spekulationsblase, und kurz darauf kippte der Markt. Massive Verkäufe setzten ein. In den ersten zwei Aprilwochen verlor der Index 27 Prozent. Was wie ein kurzer Schock begann, entwickelte sich zu einem langen Abwärtstrend. Erst im Oktober 2002 erreichte der Nasdaq Composite seinen Tiefpunkt bei rund 1.140 Punkten – ein Minus von etwa 78 Prozent gegenüber dem Allzeithoch. Auch der deutsche Aktienmarkt blieb nicht verschont. Der Dax markierte am 7. März 2000 mit 8.136 Punkten seinen Höhepunkt, bevor auch in Deutschland der "Neue Markt" einbrach, Technologieaktien an Wert verloren und auch den Leitindex Dax kräftig ins Minus zogen. Die Geschichte zeigt: Früher oder später kommt es an den Börsen zu Crashs, Korrekturen oder langen Abwärtsphasen, sogenannten Bärenmärkten. Wann genau, weiß niemand. Aber wer vorbereitet ist und versteht, wie so eine Krise abläuft, kommt meist besser durch die turbulente Phase. Wie verhält man sich also, wenn die Kurse plötzlich fallen und die Nerven flattern? Historische Renditen: Warum es langfristig meist nach oben geht Index-Klassiker: Warum sich ein ETF auf den MSCI World lohnt Crash, Korrektur, Bärenmarkt: Was steckt hinter den Begriffen? Wenn die Kurse fallen, sprechen viele pauschal von einem "Crash". Doch nicht jeder Kursrückgang ist gleich. Es lohnt sich, die Begriffe auseinanderzuhalten, denn sie beschreiben unterschiedliche Situationen, die Anleger auch unterschiedlich belasten. Ein Börsencrash (oder Börsenkrach) ist ein plötzlicher, dramatischer Rückgang der Aktienkurse über viele Branchen hinweg. Unternehmen verlieren deutlich an Börsenwert. Häufig wird so etwas durch Panikverkäufe ausgelöst. Viele Anleger wollen gleichzeitig verkaufen; es gibt aber nicht genügend Abnehmer. So bekommen sie immer weniger für ihre Aktien geboten und der Kurs sackt regelrecht ab. Ob die Panik gerechtfertigt ist, spielt dabei weniger eine Rolle. Es ist eher wie die sprichwörtliche Schafsherde. Rennt ein Tier los, folgen die anderen fast schon blind. Bei Börsenverlusten gibt es typischerweise drei Abstufungen: Börsencrash: Davon sprechen Experten meist dann, wenn Aktienkurse innerhalb weniger Tage um 20 Prozent oder mehr im Vergleich zum jüngsten Höchststand fallen – getrieben von Pessimismus und schlechter Stimmung. Börsenkorrektur: Sie beschreibt einen Kursrückgang um 10 bis 20 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Hoch. Oft gilt eine Korrektur als "gesunde Abkühlung" nach einer starken Rally. Korrekturen laufen meist geordneter ab und dauern oft nur Tage oder Wochen. Bärenmarkt: Ein Bärenmarkt (auch Baisse genannt) bedeutet anhaltende Kursverluste über längere Zeit – oft über viele Monate. Anleger erkennen ihn daran, dass Kurse sich nach neuen Tiefpunkten nicht mehr zum jüngsten Hoch hin erholen. Erst wenn das doch passiert, gilt der Bärenmarkt als beendet. Selektive Bärenmärkte Bärenmärkte treffen nicht immer die gesamte Börse gleichzeitig. Manchmal entwickeln sie sich auch nur in bestimmten Branchen, während andere Bereiche weiter steigen. Ein aktuelles Beispiel zeigt sich rund um Künstliche Intelligenz (KI): Unternehmen wie Nvidia, Alphabet, AMD , TSCM, Applied Materials, Arista Networks , Seagate und Lam Research profitieren von der Anlegernachfrage. Besonders gefragt sind Entwickler und Produzenten von KI-Chips sowie Anbieter von Strom- und Speicherinfrastruktur, Rechenzentren oder Energielieferanten. Gleichzeitig geraten vermeintliche KI-Verlierer unter Druck. Aktien von Gartner , Accenture, Morningstar , Teleperformance , Adobe , Salesforce oder Oracle werden verkauft, weil Anleger befürchten, dass generative KI deren bisherigen Geschäftsmodelle bedrohen könnte. Doch zwei Dinge gelten auch hier: Erstens dauert keine Rally ewig. Und zweitens endet auch ein Abverkauf eines Tages. Mit steigenden Kursen wächst das Risiko einer Korrektur oder eines Crashs – und die Renditechancen sinken, weil die Einstiegspreise immer höher werden. Außerdem weiß niemand sicher, ob die Zukunft wirklich so eintritt, wie sie heute viele erwarten: zum Beispiel, dass KI-Gewinner die Geschäftsmodelle der KI-Verlierer tatsächlich dauerhaft verdrängen. Lesen Sie aus der Reihe "Ihr Weg an die Börse" Folge 6: Welchen ETF sollten Sie kaufen? Folge 7: Darauf brauchen Sie bei ETFs nicht zu achten Folge 8: Das ist der erste Schritt, um ein Vermögen aufzubauen Folge 9: Ein einfacher Leitfaden zum ersten ETF-Kauf Folge 10: Wertpapiere vor versteckten Kosten schützen Der härteste Teil ist nicht der Kursverlust, sondern der Kopf Wer Börsencrashs rückblickend betrachtet, sieht oft nur Zahlen. Die wirken nüchtern. Finanzkrise 2007/2008: minus 57 Prozent, Corona-Pandemie 2020: minus 34 Prozent, Flash-Crash 1962: minus 28 Prozent. Für viele ist das der Beweis, dass die Börse ein riskantes Spiel ist. Doch wer selbst mitten in einem Crash steckt, erlebt etwas anderes. Besonders dann, wenn er im Abverkauf verkauft hat. Denn ein Verlust kann psychologisch lange nachwirken. Der Druck entsteht vor allem aus einem Punkt: Während eines Crashs weiß niemand, wie tief es noch geht. Genau das macht die Situation so gefährlich. Viele verkaufen – und weil viele das Gleiche tun, fallen die Kurse weiter. Noch schlimmer: Selbst wenn sich später Chancen ergeben, steigen viele nicht wieder ein. Gründe für das Zögern gibt es genug: verlorenes Vertrauen, hohe Verluste, die Angst, dass der Tiefpunkt vielleicht noch nicht erreicht ist. So verpassen die meisten Anleger den anschließenden Aufschwung. Der Börsenzyklus im Kopf: So reagieren Anleger emotional Mindestens genauso wichtig an der Börse wie das Investieren selbst ist also die Psychologie. Ein Modell, das diesen Kreislauf beschreibt, nennt sich Psychologie der Börsenmarkt-Zyklen. Es zeigt, welche emotionalen Phasen Anleger in einem vollständigen Marktzyklus durchlaufen. Am Tiefpunkt dominieren oft Zweifel und Skepsis. Genau hier liegt häufig die größte finanzielle Chance, doch viele bleiben vorsichtig. Sobald sich erste Erholungssignale zeigen, entsteht Hoffnung, dann Optimismus. Mehr Anleger steigen ein, die Kurse ziehen weiter an. Am Hochpunkt erreicht die Stimmung oft die Phase der Euphorie. Viele glauben dann, es könne nur noch nach oben gehen. Das erzeugt den Nervenkitzel schneller Gewinne und gleichzeitig das maximale Risiko. Kippen die Kurse, folgt zuerst Nervosität. Danach setzt häufig Verleugnung ein: Viele reden sich ein, es sei nur eine kurze Korrektur. Fallen die Kurse weiter, breitet sich Angst aus – bis hin zur Panik. Anleger verkaufen massenhaft, oft aus Herdentrieb. Am Tiefpunkt stehen dann Kapitulation und Depression. Erst danach beginnt der Zyklus erneut – mit neuer Hoffnung. Die gute Nachricht: Bärenmärkte enden, Rallys kommen zurück Natürlich klingt es leicht, im Crash ruhig zu bleiben. In der Realität kostet das Kraft. Trotzdem zeigt die Erfahrung: Wer in Crashs oder Bärenmärkten investiert bleibt, nicht verkauft oder sogar nachkauft, profitiert oft automatisch von der späteren Erholung. Die Börsengeschichte zeigt: Ein durchschnittlicher Bärenmarkt dauert rund 20 Monate. Ein durchschnittlicher Bullenmarkt, also eine anhaltende Phase steigender Kurse, dagegen etwa 52 Monate. Noch wichtiger für Anleger: Der durchschnittliche Verlust in einem Bärenmarkt lag bei minus 40 Prozent. Der durchschnittliche Gewinn in einem Bullenmarkt betrug plus 162 Prozent. Börsencrash-Historien für den S&P 500 Ereignis Bärenmarkt-Hoch Markt-Rückgang Dauer (Monate) Bullenmarkt-Beginn Markt-Rendite Dauer (Monate) Crash von 1929 Januar 1929 - 86 % 32 Juli 1926 152 % 37 Fed-Straffung 1937 März 1937 - 60 % 61 März 1935 129 % 23 Crash nach 2. Weltkrieg Mai 1946 - 30 % 36 April 1942 158 % 49 Eisenhower-Rezession August 1956 - 22 % 14 Juni 1949 267 % 85 Flash-Crash von 1962 Dezember 1961 - 28 % 6 Oktober 1960 39 % 13 Finanzkrise von 1966 Februar 1966 - 22 % 7 Oktober 1962 76 % 39 Tech-Crash von 1972 November 1968 - 36 % 17 Oktober 1966 48 % 25 Paul Volcker Straffung 1980 Januar 1973 - 48 % 20 Mai 1970 74 % 31 Crash von 1987 November 1980 - 27 % 20 März 1978 62 % 32 Dotcom-Blase 2000 bis 2002 August 1987 - 34 % 3 August 1982 229 % 60 Finanzkrise 2007 bis 2008 März 2000 - 49 % 30 Oktober 1990 417 % 113 Corona-Crash 2020 Oktober 2007 - 57 % 17 Oktober 2002 101 % 60 Aktienmarkt-Rückgang 2022 Februar 2020 - 34 % 1 März 2009 401 % 133 Aktienmarkt Rückgang 2022 Januar 2022 - 25 % 9 März 2020 114 % 22 Durchschnitt - 40 % 20 162 % 52 Quelle: valueinvesting.de Was Anleger daraus ableiten können Zunächst gilt: Niemand trägt Schuld an einem Crash. Privatanleger, Fondsgesellschaften, Vermögensverwalter, Staaten und große Investoren befinden sich in derselben Situation. Wer im Crash verkauft, verliert zunächst Buchgewinne und macht erst beim Verkauf unter dem Einstiegspreis aus einem Minus auf dem Papier einen echten Verlust. Niemand kann einen Crash zuverlässig vorhersagen, auch sogenannte Crashpropheten nicht. Und niemand kann die Kurse aktiv stoppen, wenn sie fallen. Der Markt regelt das selbst: Kurse steigen so lange, bis niemand mehr bereit ist, noch höhere Preise zu zahlen. Umgekehrt fallen Kurse so lange, bis neue Käufer einsteigen. Wenn Käufer und Verkäufer im Gleichgewicht sind, stagnieren die Kurse. Kommen wieder mehr Käufer, steigen sie erneut. Was bedeutet das konkret für Sie? Zwei Regeln stehen ganz oben: Ruhe bewahren Panikverkäufe vermeiden Bleiben Sie Ihrer langfristigen Strategie treu und treffen Sie keine Entscheidungen aus Angst. Darüber hinaus helfen diese Schritte: Portfolio prüfen und wieder ausbalancieren: Schauen Sie, welche Aktien bzw. welche Branchen besonders stark betroffen sind und ob Ihre Aufteilung noch zu Ihrer Risikobereitschaft passt. Mit Umschichtungen bringen Sie Ihr Portfolio zurück in die gewünschte Balance, man spricht auch von Rebalancing . Aussitzen als Basisstrategie: Wer langfristig investiert und breit streut, fährt mit Abwarten oft am besten. Bei einem Anlagehorizont von 10 bis 15 Jahren lassen sich Kursschwankungen – auch starke Korrekturen und Crashs – meist ausgleichen. Antizyklisch handeln: Wenn Sie Geld zur Verfügung haben, können Sie Qualitätsaktien oder breit gestreute ETFs günstiger nachkaufen. Wer schrittweise kauft, nutzt den Cost-Average-Effekt: Der Durchschnittspreis sinkt, weil nicht alles zum selben Kurs gekauft wird. Diversifikation stärken: Reduzieren Sie Klumpenrisiken, etwa in stark betroffenen Tech-Werten, und streuen Sie breiter über verschiedene Sektoren, Regionen und Anlageklassen wie Anleihen oder Rohstoffe . Gerade bei technologielastigen Depots bringt das mehr Stabilität. Eine bewusste Cash-Reserve halten: Halten Sie einen Teil des Vermögens als Liquiditätsreserve auf dem Konto oder als Tagesgeld . So müssen Sie im Crash nicht aus Geldnot verkaufen und schaffen sich Spielraum für Nachkäufe. Notgroschen anlegen: Geld, das Sie kurz- oder mittelfristig brauchen (Alltag, größere Anschaffungen, Urlaube, Steuern), gehört auf Tages- oder Festgeldkonten , nicht in Aktien oder ETFs. So bleibt das Börsenportfolio langfristig investiert, während Ihre laufenden Ausgaben unabhängig von Kursschwankungen abgesichert sind. Resilienz: Der beste Schutz gegen Panik Die psychologische Realität eines Crashs ist brutal. Und selbst die beste Strategie hilft wenig, wenn Anleger emotional einknicken. Deshalb helfen konkrete Schutzmaßnahmen, um nicht in den Sog der Panik zu geraten: In der Crashphase bewusst abschalten: Schauen Sie nicht täglich ins Depot und meiden Sie Finanznachrichten weitgehend. Der ständige Blick auf rote Zahlen verstärkt die Angst und führt schnell zu impulsiven Fehlentscheidungen. Experten empfehlen, das Depot höchstens einmal pro Woche oder nur einmal im Monat zu prüfen. Sich Buchverluste klarmachen: Wiederholen Sie sich bewusst: Solange Sie nicht verkaufen, sind es nur Buchverluste. Erst der Verkauf macht den Verlust real. Kurse können sich wieder erholen. Diese Umformulierung nimmt Druck und verhindert irreversible Fehler. Regeln vor dem Crash schriftlich festlegen: Schreiben Sie sich einen Krisenplan mit klaren Regeln auf: Wann kaufen Sie nach? Was verkaufen Sie nie? Welche Verluste halten Sie aus? In der Panik vergessen viele ihren Plan. Ein schriftliches Dokument hilft, diszipliniert zu bleiben. Legen Sie auch eine persönliche "Nicht-verkaufen-Liste" mit Qualitätswerten an. Den Fokus auf das Kontrollierbare richten: Nutzen Sie die Kontrollkreis-Übung: Zeichnen Sie drei konzentrische Kreise und trennen Sie, was Sie kontrollieren können (Verhalten, Sparrate, Nachkäufe), von dem, was Sie nicht kontrollieren können (Kurse, Nachrichten). Das gibt Handlungsfähigkeit zurück, ohne hektisch zu reagieren. Wenn Sie den nächsten Börsencrash mit diesen Tipps überstehen, meistern Sie nicht nur einen Rückschlag beim Vermögensaufbau. Sie gehen im besten Fall sogar gestärkt daraus hervor und beweisen Resilienz. Resilienz bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Resilienz bedeutet, trotz Angst handlungsfähig zu bleiben. Laut Ray Dalio, einem der weltweit erfolgreichsten Investoren, gehören dazu klare Prinzipien: diszipliniert verdienen, maßvoll ausgeben, konsequent sparen und intelligent investieren. Wer Rücklagen, Liquidität und einen langfristigen Horizont hat, muss im Crash nicht aus der Not heraus verkaufen, sondern kann rational handeln.