Die Freigabe der Epstein-Akten sollte Transparenz schaffen. Viele Überlebende sprechen nach der Teilveröffentlichung jedoch von gebrochenen Versprechen. Die Veröffentlichung Tausender Dokumente zum Missbrauchskomplex um den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hat bei vielen Überlebenden Enttäuschung ausgelöst. Das US-Justizministerium stellte am Freitag zwar umfangreiches Material online, doch zahlreiche Seiten sind stark geschwärzt, weitere Dateien fehlen ganz. Betroffene kritisieren, dass die Freigabe weder vollständig noch nachvollziehbar sei. Liz Stein, eine Überlebende von Epsteins sexualisierter Gewalt, sagte der BBC, sie wolle, dass "alle Beweise für diese Verbrechen ans Licht kommen". Stattdessen erlebe sie nun eine "schrittweise Veröffentlichung unvollständiger Informationen ohne Kontext". Stein wirft dem Justizministerium vor, offen gegen den sogenannten Epstein Files Transparency Act zu verstoßen, der eine vollständige Offenlegung vorsieht. Epstein-Akten : Was passierte mit Foto Nummer 468? Tausende Seiten geschwärzt: Was in den Epstein-Akten fehlt Ähnlich äußerte sich Marina Lacerda, die nach eigenen Angaben mit 14 Jahren von Epstein missbraucht wurde. Sie sagte der BBC, viele Überlebende seien "nervös und skeptisch", wie die restlichen Akten veröffentlicht würden. "Wir sind sehr besorgt, dass sie weiterhin so stark redigiert werden wie heute", sagte Lacerda. Auch andere Betroffene meldeten sich zu Wort. Jess Michaels, eines der frühesten bekannten Opfer Epsteins, sprach bei einer Pressekonferenz von fortgesetzter Intransparenz. "Was schützen sie?", fragte sie mit Blick auf die Schwärzungen. "Die Vertuschung geht weiter." Marijke Chartouni, die angibt, als junge Frau missbraucht worden zu sein, sagte, wenn nahezu alles geschwärzt sei, bleibe von Transparenz wenig übrig. Kritik an Schwärzungen und Vorgehen des Ministeriums Der Opferanwalt John Scarola, der über viele Jahre mehrere Betroffene vertreten hat, kritisierte das Vorgehen des Justizministeriums scharf. Im Gespräch mit dem "Spiegel" sagte er, die Teilveröffentlichung mache aus Sicht der Opfer "ihr Leid nur größer". Nach allem, was er gesehen habe, seien die Dokumente in übermäßigem Umfang geschwärzt worden. Zwar seien Schwärzungen zum Schutz der Privatsphäre notwendig, "doch das Ausmaß geht weit über alles hinaus, was ich für gerechtfertigt halte". Besonders verletzend sei der Umgang mit den Opfern im Vorfeld gewesen. Scarola berichtete, das Ministerium habe die Anwälte erst am Donnerstagnachmittag kontaktiert und nur wenige Stunden Zeit gegeben, Namen zu benennen, die geschwärzt bleiben sollten. "Eigentlich hätte gelten müssen, dass die Namen der Opfer grundsätzlich geschützt werden", sagte er. Stattdessen hätten die Betroffenen aktiv ihr Recht auf Privatsphäre einfordern müssen. Ein Dokument als späte Bestätigung Ein Teil der Veröffentlichung sorgte jedoch auch für Erleichterung. In den Akten findet sich erstmals ein FBI-Bericht aus dem Jahr 1996, der belegt, dass Maria Farmer, eine frühere Mitarbeiterin Epsteins, damals Anzeige wegen Kinderpornografie erstattet hatte. Farmer hatte über Jahrzehnte gesagt, sie habe das FBI frühzeitig gewarnt – war dafür aber wiederholt infrage gestellt worden. "Ich habe 30 Jahre gewartet", sagte Farmer der "New York Times", nachdem sie das Dokument gesehen hatte. Sie fühle sich rehabilitiert, zugleich aber untröstlich darüber, dass das FBI ihrer Anzeige jahrelang nicht nachgegangen sei. Wäre früher ermittelt worden, so sagte Farmers Anwalt Brad Edwards, hätten zahlreiche weitere Taten verhindert werden können. Das Justizministerium verteidigt sein Vorgehen. Man habe mehr als 1.200 Opfer identifiziert und halte Materialien zurück, die zu deren Identifizierung führen könnten. Geschwärzt würden unter anderem personenbezogene Daten von Opfern, Darstellungen sexuellen Missbrauchs sowie Unterlagen, die laufende Ermittlungen oder Sicherheitsinteressen betreffen. Nach Angaben des Ministeriums sollen in den kommenden Wochen weitere Hunderttausende Dokumente veröffentlicht werden.