Nach ihrem Rücktritt als Grünen-Vorsitzende nutzt Ricarda Lang die neu gewonnene Freiheit. Während ihre Partei in der Opposition nach Orientierung sucht, schärft die 31-Jährige ihr politisches Profil. Wie könnte es für sie weitergehen? Als Ricarda Lang die Bühne betritt, tobt der Saal. Sie hat das Publikum im Deutschen Theater in Berlin sofort auf ihrer Seite. Die Veranstaltung ist an diesem kalten Herbstabend nahezu ausverkauft. Die Grünen-Politikerin spricht über ihr neues Buch. "Der große Umbruch" heißt es. Darin analysiert sie gemeinsam mit dem Soziologen Steffen Mau nichts Geringeres als "die großen Themen unserer Zeit". Denn das sind die Dinge, für die Ricarda Lang nun Zeit hat. Gemeinsam mit Mau holt Lang auf der Bühne zum Rundumschlag aus. Es geht um Kulturkampf, die Macht der großen Tech-Konzerne, die Debattenkultur im Land, US-Präsident Donald Trump . Kurzum: um die Zukunft der Demokratie. Das ist die Flughöhe. Lang sitzt auf einem Stuhl, gestikuliert, scherzt, redet schnell. Das Publikum hängt an ihren Lippen. Am Ende sitzt sie an einem Tischchen im Foyer und gibt geduldig Autogramme. Lang schärft ihr Profil Die 31-Jährige steht heute nicht mehr an der Spitze der Grünen. Sie ist einfache Bundestagsabgeordnete. Doch Lang weiß die neu gewonnene Zeit zu nutzen. Neben ihrem Buch hat die Baden-Württembergerin noch zahlreiche andere Projekte. Sie diskutiert in Talkshows und Podcasts, schaltet sich in aktuelle Debatten ein, protestierte mit anderen prominenten Frauen vor der CDU-Zentrale gegen Bundeskanzler Friedrich Merz und dessen Stadtbild-Aussage. Auch in den sozialen Netzwerken ist Lang dauerpräsent – und nie um einen bissigen Kommentar verlegen. Lang ist in ihrer Partei zwar einen Schritt zurückgetreten, doch sie ist nicht verschwunden. Im Gegenteil: Lang ist präsent, vielleicht präsenter denn je. Mit der Politik hat die Grünen-Politikerin längst nicht abgeschlossen. Während ihre Partei in den Umfragen bei rund zwölf Prozent verharrt und in der Opposition nach einem Kurs sucht, nutzt Lang den gewonnenen Spielraum, um ihr Profil zu schärfen. Vieles deutet darauf hin, dass sie Anlauf nimmt – mit einem klaren Ziel vor Augen. Bereitet sie ihr Comeback vor? Es gab auch andere Zeiten Rückblick: Im September 2024 ist Lang am Tiefpunkt. "Es braucht neue Gesichter, um die Partei aus dieser Krise zu führen", sagt sie. Mit nur 30 Jahren kündigt Lang gemeinsam mit ihrem Co-Vorsitzenden Omid Nouripour ihren Rückzug von der Parteispitze an. Vorausgegangen waren schlechte Ergebnisse bei mehreren Landtagswahlen. Es ist die Zeit, in der in Deutschland noch die ungeliebte Ampel regiert. Eine Zeit, in der die Grünen nach Streit ums Heizungsgesetz oder Endlos-Debatten übers Tempolimit für viele Menschen im Land ein Hassobjekt sind. Es ist ein Hass, den auch Lang zu spüren bekommt. Sie wird angefeindet und beleidigt. Regelmäßig ist die Kritik frauenfeindlich. Wegen ihres Übergewichts wird sie mit widerlichster Häme überzogen. Wegen ihrer Politik wird sie bei Terminen ausgepfiffen. Es ist keine einfache Zeit. Gut ein Jahr später sitzt Ricarda Lang im Zug von Berlin nach Leipzig . "Ich bin froh, dass ich jetzt keinen Polizeischutz mehr brauche", sagt sie. Sie wirkt entspannt, als sei der ganze Druck von ihr abgefallen. Lang erzählt, sie genieße es, wieder selbstständiger unterwegs zu sein. Der Terminkalender sei zwar immer noch voll. "Aber es ist kein Vergleich mit der Zeit, in der ich Parteivorsitzende war." Es sei nun alles sehr viel selbstbestimmter. Den Rückzug vom Parteivorsitz nennt sie rückblickend einen "Befreiungsschlag". Sie werde zwar erkannt, aber so gut wie nie angepöbelt, erzählt sie. "Meist bleibt es freundlich. Aber klar, das war auch mal anders." Und tatsächlich sitzt Lang an diesem Novembertag nahezu unerkannt auf ihrem Fensterplatz im ICE. Beim Einstieg in Berlin, beim Ausstieg in Leipzig: Wenn sie jemand erkennt – niemand zeigt es. Vielleicht liegt diese neu gewonnene Freiheit auch daran, dass Lang sich optisch verändert, 40 Kilo abgenommen hat . Aus dem Offensichtlichen macht die 31-Jährige kein Mysterium. Der "Bild"-Zeitung erzählt sie von Verzicht und Disziplin. Schon früh in der Politik durchgestartet Diese beiden Eigenschaften braucht es gewiss nicht nur beim Abnehmen, sondern auch, wenn man mit nur 27 Jahren in den Bundestag einzieht und mit 28 Jahren zur Parteivorsitzenden gewählt wird. Lang wuchs in Nürtingen in Baden-Württemberg auf, die Mutter war Sozialarbeiterin und arbeitete in einem Frauenhaus. Lang schildert oft, wie sehr sie der plötzliche Jobverlust der Mutter geprägt habe. Sie sei über die soziale Frage, nicht die Umweltpolitik, in die Politik gekommen. Ihr Weg führte sie über die Grüne Jugend, die Nachwuchsorganisation der Partei. Von da an ging es politisch steil bergauf. Ihr rasanter Aufstieg hat viel damit zu tun, wie sie auftritt: offen, zugewandt, schlagfertig, unprätentiös. Nahbar nach außen, gut vernetzt nach innen. Lang ist eine Politikerin, mit der man leicht ins Gespräch kommt. In der Partei gibt es kaum jemanden, der ihr politisches Talent bestreiten würde. Auch ihr einstiger Co-Parteivorsitzender Nouripour ist voll des Lobs. Sie sei "aus besonderem Holz" geschnitzt. "Diese Mischung aus Substanz, Machtwillen und Humor ist einmalig. Ich habe sie im Streit schätzen gelernt – davon hatten wir als Doppelspitze viele", so der heutige Vizepräsident des Bundestags. Am Ende habe man immer zum Wohle der Partei entschieden und Rücken an Rücken gestanden, sagt er über die gemeinsame Zeit an der Parteispitze. Daraus sei eine Freundschaft für das Leben erwachsen. Nouripour gibt sich überzeugt: "Ricarda hat meiner Partei und diesem Land noch viel zu geben." Auch Lang erzählt, dass sie sich mit Nouripour immer noch gut verstehe, regelmäßig austausche und man viel miteinander lache. "Wir hatten auch damals volles Vertrauen. Das ist nicht selbstverständlich in so einer Position", sagt sie. In der Tat hat die grüne Parteispitze schon Führungsduos gesehen, die mehr Widersacher als Verbündete waren. Einst verloren sich Simone Peter und Cem Özdemir ganz öffentlich im erbitterten Flügelkampf. Der lange Schatten der Ampel Davon war bei Nouripour, der dem Realo-Flügel zugeordnet wird, und Lang, die zum linken Flügel der Partei zählt, nach außen nichts zu spüren. Während ihrer Zeit an der Parteispitze gab es allerdings auch wenig Raum für typisch grüne Flügelkämpfe. Vielmehr waren alle damit beschäftigt, die dauernd streitende Ampelkoalition aus SPD , Grünen und FDP irgendwie am Leben zu halten. Eine Mammutaufgabe. Doch ob beim Autobahnausbau, in der Asylpolitik oder bei der Lützerath-Räumung: Die Kompromisse, die Lang an der Parteispitze zu Ampelzeiten mitgetragen hat, sind nicht von allen vergeben und vergessen. Der Weg in die Partei habe bei ihr, wie bei vielen anderen, dazu geführt, ihre Wurzeln zu vernachlässigen, sagt Henriette Held. Sie ist die neue Co-Vorsitzende der Grünen Jugend – ein Job, den auch Lang einmal hatte. "In ihrem Fall hieß das auch, die spaltende Politik der Ampel mitzutragen", klagt die 23-Jährige. Doch verloren hat Lang die Verbindung zur Parteijugend nicht. Als die Nachwuchsorganisation vor einigen Wochen in Leipzig eine neue Spitze wählte, war auch Lang eingeladen und verbrachte den Abend mit dem Nachwuchs. Ihr Besuch fiel im Programm unter die Kategorie "Politisches Abendhighlight", während dem neuen Grünen-Chef Felix Banaszak bei seiner Rede auf der Bühne der Sprechchor "Linksrutsch jetzt" entgegen hallte. Auch Held, die in Leipzig gewählt wurde, schätzt Lang trotz des Ampel-Makels. Sie mische die Grünen auf und gebe den Themen der Grünen Jugend in der Partei eine Bühne, sagt sie. Dabei sei sie gerade als junge Frau in der Öffentlichkeit oft fertig gemacht worden. "Trotzdem hat sie es geschafft, klar für Feminismus und soziale Gerechtigkeit zu stehen und eines der prägendsten Gesichter der Grünen zu werden", gibt sich Held überzeugt. Quo vadis, Grüne? Lang hat ihre Partei bereits in der Vergangenheit davor gewarnt, als bloßes Elitenprojekt wahrgenommen zu werden. Dann könne man sich die Mitte der Gesellschaft "in die Haare schmieren", warnte sie einst. Ihre Politik ist pragmatisch, nicht dogmatisch. Sicher auch aufgrund der eigenen Erfahrungen macht sie immer wieder klar, dass Klimapolitik nicht ohne Sozialpolitik funktioniert. Wirklich durchgedrungen ist diese Botschaft aber während ihrer Zeit als Parteivorsitzende nicht. Ja, Lang gilt als politisches Talent. Aber ihre Zeit an der Parteispitze war kein überwältigender Erfolg. Nun haben andere die Aufgabe, es besser zu machen und die Deutschen wieder von den Grünen zu überzeugen. Doch die aktuelle Grünen-Spitze bleibt nahezu unsichtbar. Franziska Brantner und Felix Banaszak führen die Partei seit einem Jahr – keine einfache Aufgabe: Die Grünen haben sich noch nicht vom Ampel-Desaster erholt. In der Opposition tun sie sich schwer, wollen konstruktiv sein und nicht krawallig. Anders als die Linken, an die die Partei bei der Bundestagswahl Hunderttausende Wählerinnen und Wähler verloren hat, scheuen die Grünen den Populismus. Ein ehrenwertes Anliegen, doch sie dringen kaum durch. Noch dazu ist der Partei Prominenz abhandengekommen. Robert Habeck und Annalena Baerbock haben sich aus dem Bundestag und der aktiven Parteipolitik verabschiedet. Beim Parteitag am kommenden Wochenende in Hannover wollen Brantner und Banaszak die Inhalte in den Vordergrund rücken und verstaubte Parteistrukturen reformieren. Auch das ist ehrenwert, aber es wirkt bisher alles etwas glanzlos und fad. Small Talk mit Anne Will Ricarda Lang hingegen muss sich mit diesen Mühlen des Parteialltags nicht mehr beschäftigen. Sie macht ihr eigenes Ding, macht sich zur Marke. Während Brantner und Banaszak vor dem Parteitag Änderungsanträge beackern, sitzt Lang im TV-Studio bei Caren Miosga oder zeichnet in Leipzig mit Anne Will einen Podcast auf. "Vor Auftritten bin ich immer noch aufgeregt, jedes Mal", sagt Lang auf dem Weg nach Leipzig, wo der Podcast mit Anne Will vor Publikum im Kupferpalast in der Leipziger Innenstadt aufgenommen wird. Man mag ihr das kaum glauben, weil sie auf der Bühne wirkt wie ein Profi. Das war nicht immer so. Früher wiederholte sie oftmals Phrasen, verhedderte sich. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Die 15 Minuten Fußweg vom Leipziger Hauptbahnhof zum Veranstaltungssaal geht sie zu Fuß – ausgestattet mit Rollkoffer und Rucksack. Dort angekommen, stehen schon einige Besucher am Eingang. Sie erkennen Lang sofort. Die Grünen-Politikerin lächelt freundlich und verschwindet dann schnell im Backstage-Bereich. Bis zur Aufzeichnung ist noch rund eine Stunde Zeit. In einer kleinen, etwas kargen Küche nimmt Lang an einem Tisch Platz, isst ihr mitgebrachtes Sandwich und unterhält sich angeregt mit Cornelius Pollmer, der das Leipziger Büro der "Zeit" leitet und gleich gemeinsam mit Lang auf der Bühne sitzen wird. Irgendwann stößt Anne Will dazu, Lang holt sich eine Cola aus dem Kühlschrank. Es wird viel gelacht, die Stimmung ist gelassen. Aber aus Scherzen entwickeln sich immer wieder auch ernste politische Gedanken in der kleinen Runde. Lang schafft es in einem Moment, den Unterschied zwischen einer Cola Light und einer Cola Zero zu erklären, und im nächsten Moment die Debattenkultur im Bundestag zu analysieren. Kurze Zeit später wird sie vom Leipziger Publikum gefeiert, Hunderte sind gekommen. Den Grünen steht ein hartes Jahr bevor In diesem Moment sind die Herausforderungen, mit denen ihre Partei zu kämpfen hat, ganz weit weg. Mehrere Landtagswahlen stehen im kommenden Jahr an. In Baden-Württemberg, Langs Heimat, will Cem Özdemir Ministerpräsident werden. Die Umfragen sehen allerdings die CDU klar in Führung. "Kein Spaziergang" werde das, sagt Lang. "Aber wie würde Cem Özdemir vermutlich sagen? Leicht kann ja jeder." Lang spielt herunter, denn Özdemir hätte wohl nichts dagegen, wenn es für ihn gerade etwas leichter wäre. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern drohen die Grünen aus den Landtagen auszuscheiden. Das kommende Jahr werde "sicher kein einfaches", gibt auch Lang zu. "Besonders im Osten ist die Ausgangslage hart." Doch sollten die Grünen bei den Wahlen scheitern, wird das dieses Mal keine Konsequenzen für Lang haben. Sie wird nicht diejenige sein, die dann vor die Kameras treten muss, um die Ergebnisse zu rechtfertigen. Das sind Brantner und Banaszak. Bei den Grünen gehen viele davon aus, dass die beiden ihren Hut nehmen müssen, wenn die Wahlen schlecht ausgehen werden. Bloß nichts überstürzen Wäre das eine Option für Lang – noch mal Parteivorsitz? Die 31-Jährige hält sich bei solchen Fragen vollends bedeckt. "Wie die Zukunft für mich in der Politik aussehen wird, kann ich jetzt noch nicht sagen", sagt sie. Dass Lang dann noch einmal denselben Job wie vorher machen will – aktuell eher unwahrscheinlich. Was für Optionen hat sie? Eine Möglichkeit ist die Spitzenkandidatur bei der kommenden Bundestagswahl. Das wäre der Jackpot, sozusagen. Aber sollte das nichts werden, bliebe auch ein Führungsjob in der Fraktion. Sollten die Grünen noch einmal Teil einer Bundesregierung werden, würde sich auch hier eine Aufgabe für Lang finden. Hört man sich in der Partei um, heißt es, dass die Grüne ja erst mal noch Zeit habe. Sie komme auf jeden Fall zurück, tue der Partei gut. Aber nichts überstürzen, sie sei ja noch so jung. Lang sagte vor einiger Zeit selbst, dass sie und ihr Ehemann, der Mathematiker Florian Wilsch, einen Kinderwunsch hätten . Doch das eine schließt das andere ja nicht aus. "Florian wird sich gleichberechtigt um die Kinder kümmern, es gibt ja immer mehr Männer, die das wollen", so Lang zum Magazin "Bunte". Aktuell scheint die 31-Jährige ihre neu gewonnene Freiheit zu genießen. Viel zu tun, aber viel mehr Dinge, für die sie sich selbst entscheidet. Lang studiert neben ihrer Arbeit als Abgeordnete Rechtswissenschaften an der Fernuniversität Hagen. Auf dem Weg nach Leipzig nimmt sie sich im Zug etwas Zeit zum Lernen. "Auch jetzt bedeutet mein Alltag viel Planung. Ich verbringe viel Zeit im Zug", sagt sie. Ihr Wahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd ist rund fünf Stunden von Berlin entfernt. Ihr Ehemann lebt in Hannover und arbeitet in Göttingen . In wenigen Tagen wird Lang im Zug nach Hannover zum Parteitag sitzen. Vor einem Jahr hielt sie beim Parteitag in Wiesbaden ihre Abschiedsrede. "Ich hab' so viel Zeit damit verbracht, zu beweisen, wer ich nicht bin, Vorurteile über mich aus dem Weg zu räumen, es irgendjemandem recht machen zu wollen, dass ich dabei manchmal verloren habe, wer ich eigentlich selbst bin", sagte sie damals. Ein Jahr später hat sie kein Amt, aber Abstand. Und Zeit für den nächsten Schritt.