Ein 20:0-Lauf für die Geschichtsbücher
GIESSEN 46ers gewinnen das erste Playoff-Halbfinale bei Science City Jena nach irrer Aufholjagd noch mit 84:80 / Samstag (19.30 Uhr) steigt Spiel zwei in der Osthalle.
1846 kam Carl Zeiss nach Jena, eröffnete als junger Mann seine erste Werkstatt und legte damit den Grundstein dafür, dass die Stadt an der Saale als Optik-Standort Weltruhm erlangte. Dieser Tage bleibt es indes einem Club, der im gleichen Jahr gegründet wurde, vorbehalten, den Aufschwung der ortsansässigen Basketballer zu stoppen.
Mit 84:80 (46:39) behielten die GIESSEN (18)46ers am Donnerstagabend im ersten von maximal fünf Playoff-Halbfinals der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA bei Science City Jena die Oberhand, holten sich damit vom souveränen Hauptrunden-Meister das Heimrecht zurück und haben es nun in der heimischen Osthalle in eigener Hand, nach drei Jahren Unterklassigkeit wieder in die Bundesliga zurückkehren zu können.
Es sind Aussichten, die unweit des einen grandiosen Ausblick bietenden JenTowers alle Dämme brechen ließen. Kapitän Robin Benzing nahm jeden in den Arm, der bei drei nicht auf dem Baum war. Simon Krajcovic und Aiden Warnholtz herzten sich innig. Mladen Vujic riss Viktor Kovacevic fast um. Und die über 100 mitgereisten Fans, die sich einen vielleicht geschichtsträchtigen Abend nicht entgehen lassen wollten, standen noch eine halbe Strunde nach Spielende auf der Stehtribüne der Sparkassen-Arena, um ihre Helden ebenso lautstark wie sangessicher hochleben zu lassen.
„An unsere Aufholjagd werden sich alle, die dabei gewesen sind, wahrscheinlich noch in Jahrzehnten erinnern“, war Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic sichtlich ergriffen von dem, was sich nicht nur nach der Pause in Jena abgespielt hatte. Denn mit 28:14 hatten die Hausherren den dritten Abschnitt zu ihren Gunsten entschieden und mit einem zwischenzeitlichen 16:0-Lauf Gießen Drittel-übergreifend vom 60:60 (28.) bis zum 76:60 (34.) quasi schon den Stecker gezogen.
Ignjatovic nahm, der Verzweiflung nahe, eine Auszeit und justierte sein Team von Coast to Coast neu. Die Refs um Hauptschiedsrichter Sven Rosenbaum, bis dato nicht unbedingt auf 46ers-Seite, spielten nun endlich mit. Und Viktor Kovacevic mit fünf Punkten, Kyle Castlin per Dreier und anschließendem Mitteldistanz-Schuss, Kevin McClain mit einem atemberaubenden Solo und insgesamt neun Zählern sowie Simon Krajcovic von der Freiwurflinie machten aus einem 16-Punkte-Rückstand bei eigenem 80:76 (39.) eine Führung, die die Hausherren förmlich erstarren ließ.
„Wir haben wie schon zu Rundenbeginn bei der Niederlage gegen Trier die Kontrolle über das Spiel verloren“, war Science-City-Coach Björn Harmsen sichtlich angeknockt ob der Geschehnisse in seinem „Wohnzimmer“, in dem Zack Cooks plötzlich die Hände zitterten, Robin Benzing aber eiskalt blieb. Zwei Sekunden vor Schluss bei einem Dreierversuch getackelt, wofür ihm die Unparteiischen zur Überraschung aller aber nur zwei Freiwürfe zuerkannten, stellte der Ex-Internationale von 82:80 auf 84:80, bügelte damit den verpatzten Einwurf von Kyle Castlin und den anschließenden Sturz von Simon Krajcovic aus und ließ die die ganz in rot-weißer Hand befindliche Stehtribüne beben.
„Wir waren ready und haben Jena physisch alles abverlangt. Als sie mit 16 Punkten führten, waren sie sich zu sicher. Am Samstag werden die Karten zwar neu gemischt, wir haben es aber zumindest geschafft, in ihre Köpfe zu kommen“, fasste Energizer Luis Figge den Abend von Jena treffend zusammen. „Als wir ihnen immer näherkamen, haben wir förmlich gespürt, dass sie beeindruckt sind. Dann haben wir sie über die Klippe geschubst“, stieß Center Jonathan Maier ins gleiche Horn. Und Capitano Robin Benzing warnte: „Es war nur ein erster von drei Schritten. Noch ist nichts passiert. Wir haben aber die einmalige Chance, zu Hause nachzulegen.“
Was sich die GIESSEN 46ers auch redlich verdient hätten. Mit unbändigem Willen, einer bärenstarken Verteidigung, die dem aus Lich stammenden Ex-Nationalspieler Robin Christen seine ersten Punkte erst mit Beginn der zweiten Halbzeit gestattete, hohem physischem Aufwand, extremer Abgezocktheit, routiniertem Aufbau und meist trockenen Abschlüssen erinnerten sie ans erste Playoff-Viertelfinale in Bremerhaven, das sie nach einem 32:50-Halbzeitrückstand noch in der Overtime gedreht hatten.
Mit einem Unterschied: An der Saale hatten die Gäste im Gegensatz zum Nordsee-Auftritt vom 30. April von Beginn an den Fuß auf dem Gaspedal. Jonathan Maier setzte körperlich beim frühen 2:0 (1.) und beim robusten 7:4 (3.) erste Duftmarken. Mladen Vujic zwang Stefan Haukohl und Alex Herrera schnell zu Fouls. Robin Benzing (26:22, 12.), Kyle Castlin (29:24, 13.) und Simon Krajcovic (44.37, 20.) zeigten sich aus dem Nirwana eiskalt. Viktor Kovacevic behielt eine Sekunde vor der Halbzeitpause beim 46:39 die Nerven. Und Luis Figge staubte zum 50:46 (22.) ab.
„Frenki“ Ignjatovic bekreuzigte sich an der Seitenlinie, an der er mit seinem Assistenten Nikola Stanic ständig in angeregtem und gestenreichem Austausch war. Schließlich hatten Robin Benzing, Viktor Kovacevic und Kyle Castlin gerade drei Dreier in Folge innerhalb von nur 20 Sekunden verballert, Luis Figge einen Ellenbogen des nicht bestraften Zach Cooks ins Gesicht bekommen, Mladen Vujic einen eigentlich leichten Korbleger versiebt und Nico Brauner einen Ball verloren, der eigentlich einen Pfiff der Refs hätte nach sich ziehen müssen.
Ob der Blick des Deutsch-Serben gen Himmel, besser gesagt gen Blechdach, ursächlich war für die Aufholjagd der 46ers, bleibt natürlich unbeantwortet. Tatsache ist aber. „Das, was sich in Jena abgespielt hat, ist genau das, warum wir unseren Basketball-Sport so lieben.“
Und warum die Menschen am Samstag in die Osthalle strömen werden. Zu einem Match, bei dem es laut Robin Benzing aber „wieder 0:0 steht.“ In dem die GIESSEN 46ers aber den Aufschwung von Jena, das als Optik-Standort seit 1846 und der Werkstatt-Eröffnung von Carl Zeiss Weltruhm erlangte, zumindest basketballerisch stoppen wollen.
Jena: Morgan (2), Falkenthal (5), Cooks (9), Carter (7), Christen (9), Lang (n.e.), Lodders (n.e.), Nelson (17), Moore (8), Haukohl (4), Krause (13), Herrera (6).
Gießen: Warnholtz, Castlin (14), McClain (15), Benzing (5), Maier (4), Figge (7), Nyama, Kovacevic (12), Vujic (13), Krajcovic (9), Brauner (5).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Kyle Castlin, Jonathan Maier, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic, Luis Figge.
- Unser Konditions-Wunder: Simon Krajcovic (31:53 Minuten).
- Unser stärkster Rebounder: Viktor Kovacevic (8).
- Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (8).
- Unsere höchste Führung: 44:37 (+7), 20. Minute.
- Unsere erfolgreichste Serie: 20:0 zum 80:76, 39. Minute.
- Unsere emotionalen Beobachter: 3038 Zuschauer in der Sparkassen-Arena Jena, davon 110 aus Gießen.
- Unser nächster Auftritt: Samstag, 17. Mai (19.30 Uhr), in der Osthalle gegen Science City Jena.
Playoff-Halbfinale der 46ers: Spiel eins mit 84:80 in Jena gewonnen, Spiel zwei am Samstag, 17. Mai (19.30 Uhr), in Gießen, Spiel drei am Dienstag, 20. Mai (19.30 Uhr), in Jena, eventuelles Spiel vier am Donnerstag, 22. Mai (20 Uhr), in Gießen, eventuelles Spiel fünf am Samstag, 24. Mai (20 Uhr), in Jena.
Das andere Playoff-Halbfinale, Spiel eins: VET-CONCEPT Gladiators Trier – Phoenix Hagen 87:74.
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