Pogromnacht-Gedenken in Heilbronn: Erinnerung und Gedenken bleiben wach
Von Brigitte Fritz-Kador
Heilbronn. Vor zwei Jahren hat das Stadtarchiv Heilbronn das Buch "Liesel, it is time to go" des Historikers Joachim Schlör herausgegeben. Darin schildert er das Schicksal von Liesel Rosenthal, der Tochter einer angesehenen jüdischen Weinhändlerfamilie anhand von Briefen. Ihr war es gelungen, Deutschland rechtzeitig zu verlassen; sie konnte später sogar ihren Bruder und die Eltern nachholen. In England nannte sie sich "Alice". Ihre Tochter, Lady Julia Neuberger, von der Queen geadelt, Mitglied im House of Lords und eine von zwei weiblichen Rabbinern, machte und macht immer noch Schlagzeilen als erklärte Gegnerin des Brexit und weil sie, wie viele weitere Nachkommen jüdischer Emigranten, wieder einen deutschen Pass hat.
Die Hinwendung zur Heimat ihrer Familie kam spät, aber nun spricht und schreibt sie immer wieder, wie sehr es sie beeindruckt hat, als sie zur Buchvorstellung in Heilbronn war, dass sich hier so viele Menschen für sie interessieren und vor allem, wie man hier mit der Nazi-Vergangenheit umgehe. Ihr Lob für Heilbronn konnte man sogar in Zeitungen wie "The Guardian" oder "The Times" lesen.
Lady Julia hatte die gebündelten Briefe ihrer Mutter, die sie nicht lesen konnte, nach einer zufälligen Begegnung dem Heilbronner Joachim Schlör gegeben, der als Professor in England lehrt. Zusammen mit dem Stadtarchiv entstand daraus das beeindruckende Buch. Dieses stand auch im Mittelpunkt der Lesung des Stadtarchivs im Abraham-Gumbel-Saal der Volksbank, benannt nach einem Heilbronner Bankier, dessen Familie fast komplett von den Nazis ausgelöscht wurde.
Stella Goritzki, Sabine Unger und Oliver Firit vom Theater Heilbronn lasen aus den Briefen und Erinnerungen, Archivdirektor Christhard Schrenk begleitete dies mit zeitgeschichtlichen Erläuterungen, auch aus dem Heilbronner Umfeld der Rosenthals. Erst sind die Briefe der Eltern noch voller Ermahnungen an die Tochter, ihren Lebenswandel betreffend und zur Heirat drängend, dann aber werden sie immer mehr zu Zeugnissen der Verzweiflung, des Bangens um das Leben, das eigene und das der Familie und von Freunden.
Liesel respektive "Alice" hatte sich in London einer Organisation angeschlossen, die deutschen Emigranten half. Bis nach Heilbronn reichte ihr Einfluss nicht, aber man erfährt aus den vielen Briefen und Bitten, wie es damals in der Stadt zuging.
Wie es "in Heilbronn zuging", und das in allen Phasen der Verfolgung von jüdischen Mitbürgern, das stand auch im Mittelpunkt des Vortrages, den Christhard Schrenk bei der Gedenkstunde der Stadt im Großen Ratsaal hielt, zu der Oberbürgermeister Harry Mergel eingeladen hatte. Mehr als 200 Heilbronner kamen, unter ihnen auch Mitglieder der hiesigen Jüdischen Gemeinde, allen voran Avital Toren, ihre Leiterin. Schrenk ließ in seinem Vortrag vor allem Fakten sprechen und die zeigten, dass das erste Pogrom gegen die jüdische Gemeinde von Heilbronn bereits 1032 stattgefunden hatte und drei weitere folgten. Dazwischen gab es auch Epochen ohne jüdische Gemeinde und auch eine kurze Zeit, in der sie ein kaiserlicher Schutzbrief wieder aufleben ließ. Aber immer waren die Juden in Heilbronn nur teilweise geschützt, meistens gefährdet, oft verfolgt - diskriminiert und weitgehend rechtlos. Dennoch hatte die jüdische Gemeinde in Heilbronn nach dem Ersten Weltkrieg immer noch einige hundert Mitglieder, viele von ihnen waren bedeutende Persönlichkeiten, auch mit Verdiensten um die Stadt.
OB Mergel nannte in seiner Rede den 9. November 1938 einen "Tag der Schande" für die Stadt, weil nun, nach Zeiten der Diskriminierung, mit dem Brand der Synagoge, die der Verfolgung und Vernichtung begonnen habe. Anlässe wie diese seien nicht nur solche der Erinnerung, sondern auch der Mahnung und geben Denkstöße für die Gegenwart: "Seien wir sensibel", forderte er. Schuld und Scham seien das eine, das andere sei, dass die Heilbronner nicht nur Opfer nach der Zerstörung der Stadt, sondern auch Täter waren.
Dass Avital Toren am Ende mit den Tränen kämpfte, lag auch am Auftritt des Klarinettenchores der Musikschule, der die Klezmer-Suite von Alexis Ciesla so spielte, dass sich niemand ihrer Wirkung entziehen konnte. Bei der anschließenden Kranzniederlegung am Synagogengedenkstein mit OB Mergel legt Avital Toren, einem jüdischen Brauch folgend, nur einen kleinen Stein nieder. Er stammt aus Israel