Mannheim: Theaterfestival Schwindelfrei macht Privilegien sichtbar
Mannheim. (stot) Das sechste Theaterfestival Schwindelfrei ist eröffnet. Bis Sonntag sind rund um das Mannheimer Eintanzhaus, die Trinitatiskirche im Quadrat G 4, künstlerische Performances, Tanz, Musik und audiovisuelle Inszenierungen zu erleben. Der Titel "Performing Privilege" ist dabei Programm. Das Festival rückt in diesem Jahr Privilegien in den Fokus. "In einem politischen Klima, in dem sich die einen intensiv mit Diversität und Inklusion beschäftigen, während die anderen auf Abschottung setzen, um ihre Privilegien zu wahren, liegt dieses Thema sozusagen in der Luft", erklärt die Theatermacherin Sophia Stepf, die Schwindelfrei zum dritten Mal kuratiert.
Wie Sprache oder Mode sei auch der Körper ein Kennzeichen von Privilegien, die gezielt eingesetzt werden: "Wie inszeniere ich meinen Körper? Wie bewege ich mich und welcher Sprache kann ich mich bedienen? Welche Zugehörigkeit behaupte ich damit?" Mit diesen Fragen befassen sich sechs zwanzigminütige Produktionen, die auf Rundgängen vorgestellt werden. Sie führen auf der neu ausgerufenen Mannheimer Theatermeile vom Eintanzhaus zum Theaterhaus G 7 und zum Zeitraumexit. Sophia Stepf hat dafür vier Künstlergruppen aus Mannheim, Heidelberg und Weinheim sowie zwei Künstlerinnen aus Helsinki beziehungsweise Teheran eingeladen.
Das Publikum erlebt in geführten Theaterparcours jeweils drei Inszenierungen. In Parcours eins steht auf dem Programm: "Nur mein Leben" mit Lea Aderjan von der Mannheimer Bürgerbühne und der Leiterin des Vesperkirchenchors Karoline Vogt, die audiovisuelle Inszenierung "You drive me crazy" mit der Hörspielautorin Fides Schopp und der Filmemacherin Golnaz Hourmazdi sowie das Tanzstück "Soft Variations" der finnischen Choreografin Sonya Lindfors. In Parcours zwei führt die Mannheimer Schauspielerin Monika-Margret Steger von Station zu Station. In Riechweite der Schokoladenfabrik im Jungbusch leitet sie zum tiefen Luftholen an. "Welches politische Potenzial steckt darin, eine Straße entlangzuschlendern, in der man normalerweise nicht läuft?" fragt sie, als sie zum Künstlerhaus Zeitraumexit führt: Im dortigen Kubus zeigen die brasilianische Schauspielerin Anna Júlia Amaral und die Weinheimer Künstlerin Nina Weber ihre Performance "Race" und verhandeln tanzend im weißen Sportdress Identitätspolitik und Rassismus. Die Mannheimer Tänzerinnen Michelle Cheung und Julie Pécard und der Tänzer Antoni Androulakis agieren in der Trinitätskirche. "Circo" ist ihre entlarvende Mischung aus Tanz-, Game- und vorgeblicher Improvisationsshow, bei der die Zuschauer verschiedenfarbige Fähnchen einsetzen, um vermeintlich Entscheidungen herbeizuführen. Schauspieler Oliver Jaksch vom Theater Regensburg kommandiert die Tänzer wie ein herrischer Filmregisseur ganz alten Schlags.
Im Zeitraumexit macht die Iranerin Azade Shahmiri die Performance selbst zum Thema ihres konsequenten medialen Stücks. Sie weiß, dass sie eingeladen ist, vor Publikum eine Aufführung zu geben. Das ist an sich schon ein Privileg. In "Unperforming" entzieht sie sich dessen, und dann doch wieder nicht.